Grizou – Punkrock 08 Tischlerei Lischitzki – zu viel TV Smoke Blow – broken bonds of friendship Smoke Blow – Interview mit Björn (Greif Hellhammer) Pt. I Smoke Blow – I have lived in the monster Smoke Blow – Interview mit Björn (Greif Hellhammer) Pt. II Attitude Adjudgement – warfear I walk the Line – Kill your friends Heartbreak Stereo – All I Got Polar Bear Club – Take Me To The Town Tony Sly – AM Katzenstreik – Läufer Talco – St. Pauli Lou Barlow – Goodnight unknown
Am kommenden Samstag, dem 06.02.2010, wird es von 13.00-14.00 wieder eine neue Ausgabe von TRACKtate – dem Kulturmagazin bei radio blau in Leipzig – geben.
Themen: argentinische Filmtage – dazu eine Besprechung des Films ESTELA über Opfer der Militärdiktatur in Argentinien und einem Interview mit dem Historiker Michael Herrmann, außerdem ein Versuch der Beantwortung der Frage warum einige Männer Haare auf der Brust haben und andere nicht – hier bin ich fündig in einem wunderbaren afrikanischen Märchen geworden, kleiner Konzertrückblick auf Element of Crime am 28.01.2010 in Leipzig.
Ein Festival aus Information und guter Musik.
In Leipzig terrestrisch zu empfangen wie aus der Karte ersichtlich – für alle anderen per Internetstream unter www.radioblau.de
Joseph Beuys ist heute vor 24 Jahren gestorben. Sein Name ist nicht erst seit seinem Tod unumstößlich mit seinen aktionskünstlerischen Arbeiten verbunden. Aber auch die Diskussion über seine These „Jeder Mensch ist ein Künstler“ sorgt immer wieder für spannende Debatten.
An dieser Stelle soll es weniger um den darstellenden und aktionsorientierten Künstler Beuys gehen. Ich möchte hier gleichsam als eine erinnernde Anekdote eine Arbeit Beuys’ vorstellen, die einzigartig ist und zu der ich eine biographische Bindung habe.
Der gebürtige Krefelder Joseph Beuys hat wenige Jahre nachdem er als streitbarer Aktions- und Konzeptkünstler durch die documenta III 1964 in Kassel einem breiteren Publikum bekannt wurde in der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf mit Freunden eine Klangcollage erschaffen, die in ihrer Einfachheit unübertrefflich ist und trotzdem einen wahrhaftigen Kern besitzt, der soziale Sprengkraft ausstrahlt.
Jeder besucht in seinem Leben Beerdigungen. Unabhängig davon welcher Konfession der Tote angehört, ob es sich um eine Urnen- oder eine Grabbeisetzung handelt – eines ist den meisten Beerdigungen in Deutschland traditionell gemein: Auf die Beerdigung folgt der Leichenschmaus. Die Angehörigen, die, die sich dafür halten, die Freunde und Menschen, die es als ihr Pflicht empfinden auf dieser Beerdigung präsent zu sein, versammeln sich, um eine gemeinsame Mahlzeit einzunehmen. So richtig miteinander zu sprechen traut sich niemand. Es könnte einem ein Lächeln über das Gesicht fahren. Man könnte sich einem pietätlosen Thema wie beiläufig zuwenden. Die Anwesenden halten sich über alle Maßen bedeckt, denn niemand möchte gegen die Etikette verstoßen.
Nach einer ähnlichen Erfahrung versuchte ich vor einigen Jahren herauszubekommen, ob es auch andere Umgangsformen oder habitualisierte Abläufe nach einer Beerdigung anstatt eines Leichenschmauses oder eines Totenkaffees in Deutschland gibt. Im Internet stieß ich dann auf die besagte Klangcollage von Joseph Beuys.
Der Künstler hat m.E. das Gebetsmühlenartige und Unhinterfragte eines Totenkaffees 1968 auf verzaubernde und eindringliche Art und Weise zum Ausgangspunkt einer Klangcollage gemacht, die versucht den Irrwitz dieses Verhaltens festzuhalten. Beuys Kollege Stüttgen berichtet über die Entstehung der Collage, dass Beuys am 14.12. in die Akademie von einer Beerdigung am Niederrhein kam. Beuys erzählte, dass beim Leichenschmaus lauter alte Frauen um den Tisch gesessen hätten und immer den gleichen Wortablauf pausenlos und stundenlang gemurmelt hätten. Der Wortlaut dieser Gespräche ließ sich mit “Ja, ja, ja ja, ja, nee, nee, nee, nee, nee“ wiedergeben.
Beuys erzeugt einen Klangraum. Eine akustische Skulptur. Schließt man die Augen und stellt sich ein klassisches Totenkaffeetrinken vor, dann zieht einen die Collage in ihrem über 60 minütigem Verlauf immer mehr hinein. Man sitzt am Tisch. Es gibt Kasslerbraten und nach dem Essen Kaffee. Gespräche über nichts. Betretenes Schweigen. Der Austausch von Belanglosigkeiten. Ja, ja, ja ja, ja, nee, nee, nee, nee, nee
2009 war das Humboldtjahr. Was dabei oft weniger Beachtung findet ist die Tatsache, dass es der Humboldts zwei gab. Humboldtjahr 2009 steht im Zeichen Alexander von Humboldts, denn dessen Tod jährte sich zum 150. Mal. Alexander ist der jüngere der beiden berühmten Humboldtbrüder. Wilhelm von Humboldt ist zwei Jahre älter. Ebenso wie Alexander als Naturforscher in die Geschichtsbücher Eingang fand, hat Wilhelm einen ebenso, wenn auch der breiten Öffentlichkeit weniger bekannten, relevanten historisch bedeutsamen Beitrag geleistet – vor allem für das (Humboldtsche) Bildungsideal und die Sprachwissenschaft.
Der Schatten Alexanders liegt aber nunmehr dennoch auf Wilhelm – Alexanders Leben scheint auf den ersten Blick auch das spannendere gewesen zu sein. Er unternahm lange Forschungsreisen, bereiste ferne und unbekannte Länder, traf auf fremdartige Völker und bestand somit große Abenteuer. Wilhelm mutet da als preußischer Beamter und Sprachforscher, der Europa nie verlassen hat, eher langweilig an. Dabei ist er das kein Stück – zu dieser Einsicht gelangt man zumindest nach der Lektüre des Buches “Wahlverwandt und Ebenbürtig” von Hazel Rosenstrauch über das Leben Wilhelm von Humboldts und seiner Frau Caroline.
Seine Frau ist nämlich, das ist die Pointe des Buches, der Dreh- und Angelpunkt Wilhelms Leben. Das ist insofern spannend und überraschend, da in einer Zeit der Zwangsehen und der gesellschaftlichen Ungleichberechtigung von Mann und Frau Beziehungen auf Augenhöhe die Ausnahme bildeten. Die Autorin greift in ihrer Schilderung vor allem auf die Briefwechsel der beiden zurück. Die sind zwar schon seit langem verlegt, allerdings bis hierhin noch nie editorisch aufbereitet worden.
Wilhelm von Humboldt formuliert in einem Brief an Caroline am 2.9.1810 seine Lebensaufgabe einmal so: „Dein Glück ist immer das einzige Ziel meines Lebens gewesen. […] Jedes menschliche Leben hat ein Ziel. […] Ich bringe schwerlich irgend etwas hervor, was mich überlebt. Meine Tätigkeit im Dienste sehe ich, obgleich ich gewiß alles tun werde, was der Moment erlaubt, […] nur für ein Fortvegetieren an. Aber eine Sache glaube ich getan zu haben, Dich durchs Leben begleitet zu haben, wie es wenigstens Deiner nicht unwert war, gemacht zu haben, dass Du in Freiheit und Schönheit walten, das Leben tief und rein empfinden konntest im Glück und im Unglück, was das Einzige ist, was der Mensch, der sich und sein Schicksal versteht, wünschen muß, und das Wirken, das Beschäftigt sein um einen Menschen, dies ausschließliche Leben für einen ist mir immer das Höchste und Beste gewesen und wird es bleiben.“ (S. 204)
Das Paar findet sich nicht durch eine Verabredung der Eltern. Unter Beachtung der zeithistorischen Umstände kann man von einer unüblichen Liebesheirat sprechen. Im Laufe ihres Lebens ist das Paar oft für lange Zeit getrennt – bis zu zwei Jahren. Das liegt vor allem an den sich häufig ändernden Ämtern, die Wilhelm im preußischen Staatsdienst bekleidet. Über das elterliche Gut Carolines im thüringischen Auleben, Kaliningrad, Berlin, Rom, London, Paris und Wien führen die Lebenslinien, auf deren Verlauf die beiden 7 Kinder bekommen.
Bemerkenswert ist die Offenheit der Beziehung – zumal vor dem Hintergrund des herrschenden Zeitgeists. Wilhelm gesteht Caroline die eine und die andere Affäre zu. Wilhelm führt seinerseits Buch über alle Ausgaben der Familie – auch über seine Bordellbesuche. In Briefen sind weiterhin einige seiner Affären zu befreundeten Damen belegt. Trotzdem ummantelt beider Leben eine innige Liebesbeziehung, die dem Anderen Freiheiten zugesteht und beide trotzdem eher näher bringt als voneinander entfernt.
Hazel Rosenstrauch vermag in ihrer Kolportage aus Briefen, Interpretationen und biographischen Erzählungen dem Leser einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es war, um 1800 ein Europäer zu sein. Das Paar unterhält die vielfältigsten Kontakte zu Staatsmännern, Künstlern und Denkern aus Frankreich, England, Deutschland und Italien. Als Wilhelm aus dem Staatsdienst scheidet (nicht ohne vorher eine wichtige Rolle beim Wiener Kongress zu spielen) vereinen die beiden sich für den gemeinsamen Lebensabend im Humboldtschen Schloss in Berlin-Tegel. Caroline stirbt zuerst. Wilhelm widmet sich zwar auch seinen Forschungen, verbringt aber viel Zeit damit in den gemeinsamen Briefen zu lesen und mit der Sehnsucht zu seiner Frau zu ringen. Sie stirbt 1829, er 1835.
Rosenstrauchs Kolportage ist mehr als gelungen, weil trotz der vielen notwendigen historischen Querverweise und Erläuterungen hinsichtlich der Personen mit denen die Humboldts verkehren eines nie außer Acht gelassen wird: Caroline und Wilhelm von Humboldt waren nicht nur aufgeklärte und herausragende Persönlichkeiten ihrer Zeit, sondern auch ein Paar, deren Beziehung einzigartig und den Verhältnissen der damaligen Zeit weit voraus war.
Rosenstrauch, Hazel: Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt. Eichborn Verlag. Frankfurt am Main: 2009.
Gestern gab es zum ersten Mal beide meine Sendungsformate im Verbund auf radio blau zu hören. Von 13.00 – 14.00 TRACKtateund von 14.00 – 15.00 rilleradio.
Ich bin nunmehr seit 6 Jahren als ehrenamtliches Mitglied beim nichtkommerziellen Lokalradio in Leipzig “radio blau” aktiv. Vielleicht hier nochmal kurz eine kleine Einführung zu beiden Sendungen:
TRACKtate ist der Versuch, in sich hineinzuhören und den mit Fragen gepflasterten Weg eines zerrissenen, ständig zweifelnden und wankelmütigen Mannes mitzugehen, auf dem er sich, wo immer sich ein Widerspruch auftut, in ihn verliebt. Er läuft ihm hinterher und möchte ihn fangen, aber um so länger er rennt, umso mehr Widersprüche tauchen auf… Ein Wettlauf irgendwie. In dieser Sendung präsentiere ich Reportagen, Features, Kommentare und Hörcollagen. TRACKtateist somit im weitesten Sinne ein Kulturmagazin und existiert seit 2007. Das Themenspektrum ist offen – Rezensionen zu Büchern, Filmen und Theaterstücken finden ebenso Platz wie Kurzreportagen zu Reisen oder Features sowie Höressays zu kulturphilosophischen, gesellschaftspolitischen und soziologischen Fragestellungen. Ein Kulturmagazin, das letztlich einen Kulturbegriff benutzt, der über die Kunst hinausgeht und Gesellschaft und Zivilisation einbezieht. 1x monatlich 60min
rilleradio existiert seit 2004. Anfangs noch unter dem Firmament „rilleralleradio“ gemeinsam mit meinem Freund Volly Tanner war dieses Format der Versuch zwei Generationen (Volly Ü30, meine Wenigkeit U25 damals) zusammenzubringen. Volly verkörperte dabei den Hedonismus, meinereiner das politisch korrekte Besserwissertum – klar, dass man sich im Gespräch selten auf Bücher, Platten, Filme einigen konnte. rilleralleradio lebte vom Streit. Stadtpolitik, Kritik an der Kulturhegemonialität des „Stadtmagazins“ Kreuzer und die eine oder andere Kontroverse über Abwaschen, nackte Frauen auf CD-Covern usw. sorgten immer wieder für Sprengstoff – nicht nur zwischen uns, sondern auch mit den Hörern, die wir stets einluden mitzudiskutieren. Irgendwann war das Format ausgereizt. Volly kannte jeden meiner Gags, ich alle seine Standpunkte. Wir konnten uns nicht mehr überraschen. So reichten wir uns freundschaftlich die Hand und seit 2008 ist rilleohne ralle. Seitdem versuche ich die Sendung ein Musikmagazin sein zu lassen – von Jazz bis Punk, von Blues bis Hiphop und wieder zurück. Genres spielen im Diktat des guten Geschmacks keine Rolle. Ab und an gibt es Interviews, Konzertberichte oder obskure Themensendungen. 1x monatlich 60min
In TRACKtategab es gestern eine Filmrezension zu “Das Kabinett des Dr. Parnassus”, eine Buchbesprechung zu Ken Wiwa “Im Schatten des Märtyrers. Mein Leben als Sohn von Ken Saro Wiwa” und zwei Hörspiele (“Der Tannenbaum” und “Die Schneekönigin“), die ich 2005 gemeinsam mit Volly Tanner produziert habe.
rilleradio von 14.00 – 15.00 Uhr war gestern eine Sendung mit dem Thema “tolle tote Männer”. Joseph Beuys ist am 23.01. 24 Jahre tot, Rio Reiser wäre heute, am 09.01.2010, 60 Jahre alt geworden und Luigi Tenco hat sich vor 43 Jahren am 27.01.1967 das Leben genommen. Eine Sendung ganz im Zeichen erinnernder Anekdoten.
Die Playlist:
01. The Cribs – We share the same skies
02. Queen Ifrica – Montego Bay
03. Luigi Tenco – E se ci diranno
04. Luigi Tenco – Ho capito che ti amo
05. Jughead’s Revenge – Inside of you
06. The Cribs – Is anybody there
07. Joseph Beuys – Sonne statt Reagan
08. Rio Reiser – Mitten in der Nacht
Diese Rezension kann man sich HIER auch als Audioversion anhören.
Es gibt Kinofilme von denen erwartet man im Vorfeld sehr viel. Oft lässt die Besetzungsliste das Herz höher schlagen. Manchmal kennt man den Stoff schon, weil man das Buch zum Film gelesen hat, und ist nun auf die filmische Umsetzung gespannt. Möglich ist auch, dass man deswegen mit hohen Erwartungen den Kinosaal betritt, weil das Zusammenspiel aus Besetzungsliste, Story und filmischer Umsetzung reizvoll erscheint. Nicht wenigen dürfte es mit „The Imaginarium of Doctor Parnassus“ (Das Kabinett des Dr. Parnassus), dem neuen Film von Terry Gilliam so gehen. Am Donnerstag dieser Woche lief dieser in den deutschen Kinos an.
Der Kinosaal füllt sich zum Deutschlandstart in den Leipziger Passage Kinos mit nahezu 80% weiblichem Publikum. Der während der Dreharbeiten verstorbene Heath Ledger, seit seiner Rolle in The Dark Night gefeierter und während der Dreharbeiten an einem Tablettencocktail verstorbener Schauspieler, dürfte aufgrund seiner Karriere als Teeniefilmstar daran nicht ganz unschuldig sein. Zudem ist Publikumsgarant Johnny Depp mit von der Partie. Der schönen Männer nicht genug agieren Tom Waits als Mr. Nick – ein Pseudonym für den Teufel höchstpersönlich – und Christopher Plummer als Dr. Parnassus. Da ist es also das Starensemble.
Die Geschichte des Films verspricht im Vorfeld einen Reigen phantastischer Welten. Dr. Parnassus besitzt die Gabe per Gedankenkraft die Träume und Wünsche seiner Medien zu materialisieren – sobald sie durch seinen Spiegel schreiten, befinden sie sich in der Welt ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte. Mit diesem Spiegel zieht Dr. Parnassus seit Hunderten von Jahren durch England. Weil er vor Urzeiten mit dem Teufel paktierte, gewann er Unsterblichkeit – allerdings um einen hohen Preis: Belzebub Nick kommt zum 16. Geburtstag seiner Tochter Valentina (Lily Cole) wieder vorbei, um sie zu holen. Der glücksspielverliebte Mr. Nick wettet aus vermeintlichem Mitgefühl mit dem Doktor dann aber doch um ein paar Seelen, um ihm eine kleine Chance zu geben, seine Tochter vor der Hölle zu bewahren. Parnassus helfen dabei der Gaukler Anton (Andrew Garfield), der kleinwüchsige Mann für alle Fälle namens Percy (Verne Troyer) und nicht zuletzt das Schlitzohr Tony (Heath Ledger).
Es war für Terry Gilliam alles andere als einfach diesen Film zu drehen. Ein Hauptdarsteller stirbt inmitten der Dreharbeiten und lanciert den Film damit in eine zweifache Wahrnehmung: Einerseits steht der Film für sich und andererseits wird er wohl für alle Zeiten als der letzte Film Heath Ledgers bewertet werden. Gilliam macht aus seinen Möglichkeiten alles – die nicht mehr umgesetzten Szenen Ledgers fallen nicht auf, weil der Spiegel des Dr. Parnassus Hedger’s Figur Tony beim Sprung in die Welt der Phantasie ein neues Antlitz verschafft – wahlweise jenes von Johnny Depp, Jude Law oder Colin Farrell. Der Regisseur widersteht außerdem der Versuchung aus Hedgers Ableben Kapital zu schlagen und den Film nachträglich um ihn herum zu inszenieren. Tony ist Teil des Ensembles und bleibt es auch.
Wie ein Sog schafft es der Film anfangs einen in die Idee des Spiegels und die Aura des Dr. Parnassus zu ziehen. Das Land der Wünsche, Sehnsüchte und Träume sieht immer anders aus – wo auf den einen eine verzaubernd-schillernde Unterwasserwelt wartet, ist es für den anderen – in diesem Fall die andere – eine Welt aus pompösem Schuhwerk in allen Größen und Farben. Schnitt, Beleuchtung und Regie greifen hervorragend ineinander, wenn die dunkle, laute und brutale Realität durch den Spiegel verlassen wird und grelle Farben, geißelndes Licht und atmosphärische Bilderwelten den Weltenreisenden wie den Zuschauer gefangen nehmen.
Doch dann wird es zäh. Die Handlung ist schlicht schnell durchschaut und es dauert kleine Ewigkeiten bis die Geschehnisse in punkto Dynamik gegen Ende des Films wieder an Fahrt aufnehmen. Durchbrochen wird die gut organisierte Langeweile immer wieder durch einen waldschratigen Tom Waits als diabolisches Schlitzohr. So wie Waits grazil den wendigen und allwissenden Teufel gibt, scheint es so als ob er – wie es unter Profischauspielern, die Boxer, Knastaufseher oder Polizisten spielen, üblich ist – Anschauungs- und Nachhilfeunterricht beim Original genommen hätte. Trotz dieser Aufmunterungen bleibt der fade Beigeschmack und stößt mitunter bitter auf: Etwa wenn der Gaukler Anton die heldenhafte Vergangenheit Tonys als Federführer im Wohltätigkeitsgeschäft mit dem englischen Pendant der BILD namens „Sun“ bewaffnet als Lüge entlarvt und die deutsche Übersetzung Tony sagen lässt: „Vertraue niemals dem Spiegel.“ Überhaupt ist der Humor oft hölzern. Der Humor in einem phantastischen Filmmärchen, das von den Dialogen, der Bildsprache und vor allem von der cleveren, auf Spannung geeichten Regie getragen werden sollte, muss, wenn Humor als Mittel eingesetzt wird, wie beiläufig daher kommen, sich anschleichen und den Zuschauer aus der Phantasie reißen – gleichsam mit dem Stoff brechen – nur um den Zuschauer dann wieder sanft in die Geschichte hineinzuziehen. Vor allem die betont witzigen Kommentare Percys erreichen leider oft das Gegenteil. Man wird herausgerissen und steht dann erst einmal sprichwörtlich in der Gegend herum.
Insgesamt ist der Film, unter den schwierigen Bedingungen seiner Entstehung betrachtet, dennoch als gelungen zu bezeichnen. Die oben beschriebenen hohen Erwartungen, ob der imposanten Besetzung und der märchenhaften Geschichte können aber nur zum Teil erfüllt werden. Der träumerische und über beide Ohren in Valentina verliebte Anton wird von Andrew Garfield fulminant in Szene gesetzt. Tom Waits als moderner Derwisch vermag einen durch Filigranität und ausdrucksstarkes Mimenspiel in seinen Bann zu ziehen. Heath Ledger glänzt als Ensembleschauspieler und Terry Gilliam gelingt es eine stringente Geschichte zu bewahren, trotz Ledgers Tod. Der fadenscheinige Humor und die teils langatmige Erzählweise erfordern Gelassenheit und Sitzfleisch. Für die Reise in eine phantastische Welt ist der Film trotz aller Schwächen uneingeschränkt geeignet.
Mit dem Abspann bleibt es nur einen Augenblick lang ruhig, bevor ein lautes Gemurmel im Kinosaal einsetzt. Die Blicke, der überwiegend weiblichen Zuschauerinnen verraten es: Sie fragen ihre Sitznachbarinnen, ob in ihrer Welt der Wünsche und Träume hinter dem Spiegel des Dr. Parnassus auch Johnny Depp und/oder Heath Ledger warten. Kurz darauf gehen sie nach Hause und kuscheln sich allein oder bei ihrem Freund unter die Bettdecke. Viele tragen eine Beule an der Stirn. Der Spiegel der Flurkommode war nicht der Eingang in die Traumwelt.
Der Sprachwissenschaftler Franz Boas hat zwar damals – als er das mittlerweile zum geflügelten Wort mutierte Beispiel der Eskimo Inuit und ihrer vermeintlich großen Anzahl von Worten für Schnee erfand – wissenschaftlich betrachtet Unrecht, aber mit seinem modernen Mythos zumindest bei mir gestern Abend für die Erleuchtung am eigenen Leib gesorgt.
Man muss nicht nach Grönland schauen, um zu erfahren, dass Schnee nicht gleich Schnee ist. Der Schnee der in Leipzig gerade üppig liegt, ist kein guter Schnee. “Kein guter Schnee”, weil man mit diesem keine Schneemänner bauen kann – file under Pulverschnee. Für Protestschneemänner braucht es aber Feuchtschnee oder Nassschnee.
Drum half kein großes Lamentieren. Die Möhrennasen aßen wir dann selbst und die Kohlenknöpfe und Eimerhüte trugen wir wieder nach Hause. Nur die Transparente der Schneemänner brachten wir an den Mann respektive an das SLM-Eingangstor.
Vielleicht hingen sie heute Morgen noch und der eine oder andere Verantwortliche wurde dank ihnen freundlich ermahnt.
Diese Rezension kann man sich HIER auch als Audioversion anhören.
Buchrezension: Ken Wiwa: Im Schatten des Märtyrers. Mein Leben im Schatten von Ken Saro Wiwa. Aus dem Engl. Von C. Hirte. Classen. München: 2002.
Ken Saro Wiwa starb am Galgen. Er wurde hingerichtet wegen seines Engagements für Menschenrechte und Gleichberechtigung von Minderheiten, wegen der öffentlichen Anklage des ökologischen Aderlasses im Nigerdelta und wegen seiner Unbeirrbarkeit in der Offenlegung von Korruption, Filzwirtschaft und persönlicher Bereicherung Einzelner auf dem Rücken ganzer Landstriche. Wiwa steht deswegen seit fast fünfzehn Jahren wie ein Fels in der Brandung der Geschichte vom Kampf der Ogoni im Nigerdelta Nigerias gegen die korrupte nigerianische Diktatur und multinationale Ölkonzerne wie Shell. Er starb am 10. November 1995 in Port Harcourt, Nigeria.
„Als mein Vater sagte, für das eigene Volk zu sterben sei ein großes Geschenk für ihn, nahm ich das als persönliche Herausforderung. Wenn der Tod sein Geschenk war, was wartete dann auf mich? War ich wirklich bereit, für meine Überzeugungen zu sterben? In Auckland sagte ein nigerianischer Aktivist zu mir, dass ich niemals so viel Beredsamkeit aufgebracht hätte, wäre ich in Nigeria aufgewachsen. Da spürte ich zum ersten Mal die Schuld des Überlebenden, und nach der Hinrichtung meines Vaters verstärkte sich dieses Gefühl.“ (S. 234)
Ken Wiwa ist sein Sohn. Mit diesem Buch hat dieser sich dem Titel zu Folge als Sohn eines Märtyrers auf die Suche nach seinem Vater begeben, um sich dabei selbst zu finden. Man kennt das aus der Literatur – für viele Kinder ist es schwer im Schatten erfolgreicher, populärer und/oder bedeutsamer Väter als Individuum etwas darzustellen – man mag sich vorzustellen, und teilweise ist es sogar belegt, wie sich die Söhne und Töchter Manns, Gorbatschows, Tolstois oder Ecos als Schattenboxer bewähren mussten und müssen. Wie schwer muss es aber sein samt und sonders mit einem Vater konfrontiert zu sein, der sich einer Sache opferte, die ihm größer und bedeutsamer erschien als seine Familie und sein eigenes Leben. Wie erging und ergeht es den Kindern Guevaras, Mandelas und Gandhis?
Da ist ein Schatten. Das Wirken, die Leistung und der Ruf der Väter eilen dem eigenen Tun stets voraus. Viel zentraler als dieser Umstand ist allerdings das gespaltene Verhältnis vieler Freiheitskämpferkinder zu ihren Vätern. Deren Ruhm und Ansehen kommt nicht von ungefähr. Wenn sie nicht weggesperrt waren und damit getrennt von ihrer Familie leben mussten, haben sie meist an ihrer Idee gearbeitet; meist über ein normales Maß hinaus und in der Konsequenz zu Lasten der Familie, der Ehefrau und der Kinder.
Auch Ken Wiwa hat zum Todeszeitpunkt des Vaters ein gespaltenes Verhältnis zu ihm. Er wirft ihm insgeheim vor die Familie zu vernachlässigen, nie da zu sein, immer nur seinen Willen durchgesetzt sehen zu wollen und kein wirkliches Interesse an den Ideen und Träumen seiner Kinder zu haben. Aus seiner Sicht bevormundet Ken Saro Wiwa vor allem ihn – seinen erstgeborenen Sohn. Er möchte, dass er dies und jenes studiere, dass er zurück nach Nigeria kommt und sich mit in seinen Kampf begibt, um ihm zur Seite zu stehen. Ken ist jedoch größtenteils in England aufgewachsen. Er ist hier in ein Internat gegangen und im Anschluss daran zum Studieren da geblieben. Er ist mit Nigeria und dem Kampf der Ogoni gegen das Triumvirat von Ölkonzernen, korrupten Militärs und Politikern der ethnischen Mehrheiten Nigerias nicht verwurzelt. Die Heimat seines Vaters ist ihm fremd und so ist es sein Vater für den dieser Kampf alles ist.
Ken Saro Wiwa gründete 1989 die MOSOP (Organisation Movement for the Survival of the Ogoni People) mit dem Ziel eine politische wie kulturelle Autonomie für das Volk der Ogoni zu erreichen und außerdem die Sanierung der durch die Erdölförderung geschädigten Ogoni-Gebiete sowie die Beteiligung der Bevölkerung an den Einnahmen aus der Erdölförderung einzufordern. Die MOSOP wurde zu einer Volksbewegung und damit zu einem Dorn im Auge der Machthaber und Ölkonzerne. Unter bis heute fadenscheinigen Begründungen wurde Wiwa verhaftet und anschließend zum Tode verurteilt. Erst 2009 zahlte Shell Millionen an die Hinterbliebenen Wiwas und anderer Aktivisten, um keinen Prozess wegen Menschenrechtsverletzungen zu provozieren.
„Ob er anwesend ist oder nicht: Der Vater ist der Mann, der dich prägt. Er konfrontiert dich mit einer Herausforderung, mit bestimmten Fragen. Das Paradoxe ist, dass er auch die Antworten auf diese Fragen hat. Wenn du die Antworten bis zum Tag seines Todes nicht erfahren hast, wirst du an diesem Tag feststellen, dass du allein auf der Welt bist. Jetzt musst du die Fragen selbst herausfinden und die Antworten auch.“ (S. 184)
Das Buch Ken Wiwas ist eine Spurensuche nach seinem Vater. Ein Vater der aufgrund seines Engagements dem eigenen Sohn nicht die Aufmerksamkeit entgegenbringen konnte, die der sich gewünscht hätte. Ken Saro Wiwa’s Sohn analysiert vor den Augen des Lesers die Geschehnisse, die zur Ermordung seines Vaters führen, er zitiert aus Briefen, die er und sein Vater sich schrieben und nicht zuletzt sucht er den Kontakt zu anderen Kindern afrikanischer Freiheitskämpfer wie Nathi Biko oder Zindzi Mandela, um mit ihnen über ihren Befreiungskampf aus dem Schattendasein und ihr Verhältnis zu ihren Vätern zu sprechen.
So stellt sich dem Leser die Annäherung nachvollziehbar dar. Man ist wie auf einer Reise zu den Grundmauern fester Überzeugungen und den Opfern, die mit dem Eintreten für diese einher gehen müssen. Man nimmt Teil an einer Perspektivverschiebung, die das Gefühl des Unverständnisses gegenüber dem Vater langsam auflöst in eine Liebeserklärung. Es wäre keine wahrhaftige Liebe, wenn dafür nicht Tränen fließen müssten. Natürlich sind Freiheitskämpfer auch Privatpersonen. Es scheint, umso mehr sie in ihrer öffentlichen Wahrnehmung „richtig gemacht“ haben, desto mehr Fehler schlagen auf der privaten Seite zu Buche.
Ken Wiwa findet am Ende seinen Vater. Er macht seinen Frieden mit ihm. Er schreitet bei der Beerdigung in Nigeria, die traditionell ein unvorstellbares Brimborium darstellen, voran. Er ist stolz auf seinen Vater, was nicht heißt, dass er seine Fehler verdrängt. In der Auseinandersetzung mit seinem Vater entdeckt er, dass auch er ein Ogoni ist und nimmt den Kampf an. Wenn er ihn auch nicht in derselben Art und Weise wie sein Vater weiterkämpft, so tritt er doch für die Sache ein und trägt seinen Vater und den Märtyrer in seinem Herzen. Das ist vielmehr als viele Kinder aus dem Schatten berühmter Väter von sich behaupten können. Ken Wiwa hat seinen Frieden mit seinem Vater gemacht. Der Kampf für die Idee, die er mit dem Leben bezahlte, kann damit auch für ihn nicht vorbei sein.
Als Leser dieses, in der deutschen Übersetzung manchmal holprigen Buches, bleibt die Erkenntnis, dass die guten wie die schlechten Eigenschaften der eigenen Eltern in einem fortwähren, wie sehr man sich auch dagegen wehren mag. Es liegt an jedem Einzelnen die guten Seiten zu entdecken und anzunehmen und mit den schlechten Seiten frühzeitig seinen Frieden zu machen. Man kann zwar enttäuscht, angewidert oder alleingelassen aus der Haut fahren aber schlussendlich doch nicht aus ihr heraus.