Die Klaviatur der Möglichkeiten

12/29/2009 von tracktate

„alle reden schon vom neuen Jahr
obwohl ich mit dem alten gar nicht fertig war“

aus „Sunil“ von den Boxhamsters 1996 

Es ist vollbracht. Am 15.12.2009 um 13:22 habe ich meine Magisterarbeit abgegeben. Das war ja wie ich in einem früheren Eintrag bereits erwähnte der Grund warum ich mich nicht so wie ich wollte diesem Blog hier widmen konnte. Das wird ab 2010 anders. Es gibt Einiges zu tun, worüber es sich zu berichten lohnen wird. An erster Stelle muss radio blau gegen die politisch-ökonomische Koalition der Kurzsichtigen, die sich den Anstrich von Fortschrittlichkeit geben, verteidigt werden. Das Dokfilmfest, das Kinderfilmfestival Goldener Spatz in Gera, die Leipziger Buchmesse, die französischen Filmtage und und und – das Jahr 2010 scheint auch auf diesem kulturjournalistischen Blog spannend zu bleiben.

Als Dankeschön an alle Freunde und Bekannte, die in den letzten Wochen ein Nachsehen mit mir hatten, weil ich nicht so helfen, da sein und offene Ohren riskieren konnte wie gewohnt. Aber auch als Dankeschön an alle Leser dieses Blogs, die immer mal reinschauen, obwohl die letzten Wochen nichts geschah, habe ich zwei spezielle Geschenke zusammengestellt. Es sind zwei Mixtapes (Sampler, mp3s, Mixes), die auf zweierlei Weise das Wesentliche des Jahres 2009 aus meiner Sicht einzufangen versuchen: Der Mix „Best of 2009″ fasst die aufregendsten Neuerscheinungen 2009 zusammen und berichtet im Booklet darüber, warum dieser Song, diese Platte oder dieser Künstler/Band wichtig war und/oder ist. Der Mix „Kurioses und Ausgegrabenes“ widmet sich meinen Entdeckungen fernab der Aktualität. Da sind obskure Lieder dabei, wie auch alte Bekannte oder Ausflüge in musikalische Sphären, die mir vorher unbekannt waren, mich aber maßlos begeistert haben. Wie, wann und warum es zu welchem Lied kam, ist ebenfalls im Booklet zum Selberausdrucken nachzulesen.

Ich hoffe ich kann euch damit eine kleine Freude machen.

Mix „Best of 2009″

Booklet „Best of 2009″ Sampler

Mix „Kuriositäten und Ausgegrabenes“

Booklet „Kuriositäten und Ausgegrabenes“ 2009 Sampler

Wir lesen uns in 2009.
Einen guten Rutsch wünscht
Philipp

Radioballett auf dem Augustusplatz am Samstag, den 21.11.2009

11/17/2009 von tracktate

Ich habe ja bereits in meiner Radiosendung am Wochenende vermehrt darauf hingewiesen, dass die Existenz von radio blau – dem einzigen nichtkommerziellen Medienanbieter im Bereich Hörfunk in Leipzig – derzeit nicht gesichert ist. Zu den Hintergründen kann man in einem offenen Brief mehr erfahren. Die Unterstützerliste ist bereits sehr lang – kann aber selbstredend nicht lang genug sein. Es ist wichtig im öffentlichen Raum mit alternativen und nichtkommerziellen Medien eine Art Bürgerjournalismus als Teil der zivilen Öffentlichkeit zu stärken. Auch darüber habe ich in einem Höressay berichtet.

Bevor es nun zu dem wichtigen Termin zwischen dem Mantelprogrammanbieter Apollo-Radio und den rechtlichen Vertretern der sächsischen freien Radios am 24.11. kommt, möchten wir möglichst viel Resonanzraum in der Öffentlichkeit schaffen. Dafür sind verschiedene Veranstaltungen geplant.

Besonders hervorheben möchte ich ein Radioballett am kommenden Samstag, den 21.11.2009 um 13.00 bis 14.00 Uhr auf dem Leipziger Augustusplatz vor der Oper. Radioballettveranstaltungen dienen der Irritation im öffentlichen Raum und funktionieren so: Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin bringt einen Rundfunkempfänger mit (Kofferradio, Kassettenrekorder, Ghettoblaster, Handy mit Radioempfang, MP3-Player mit Radioempfang usw.). Über die akustischen Aufforderungen entsteht ein Ballett – beispielsweise also alle machen jetzt mal das Flugzeug, alle springen in die Luft etc. Die Irritation für den „Ottonormalverbraucher“, der unmittelbar in die Rolle des Zuschauers gedrängt wird, macht aus „unserem“ kreativen Ballett eine Protestaktion, in dem Flyer und Infoblättchen zur Problematik des drohenden Abschaltens von radio blau verteilt werden.

Bereits am 26.10.2009, als wir als Ausdruck des ersten Protestes ein Radioballett vor der Niederlassung der Sächsischen Landesmedienanstalt (SLM) in Leipzig veranstalteten, konnte ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erzielt werden. Weiterhin erreichten wir, dass die Vorsitzenden der Vereine der freien Radios in Sachsen Zugang zur Sitzung des Medienrates erhielten, um dort ihr Anliegen vorzutragen.

Wenn ihr also am Samstag nach dem Mittagessen ein wenig „Flashmobatmosphäre“ schnuppern wollt, Spaßhaben wollt, euch für eine alternative Medienvielfalt einsetzen möchtet oder einfach Lust habt Euch zum Kasper zu machen – dann schaut 13.00 auf dem Augustusplatz vorbei – samt empfangsbereitem Radiogerät.

Hier noch einige Eindrücke vom Radioballett am 26.10.2009 vor der SLM-Niederlassung in Leipzig. (Alle Fotos von Michael Wallies)

*Maschieren für Weltfrieden und Medienvielfalt*

*Kollektives In-die-Hocke-Gehen*

*Sogar an Ärsche wird gepackt* (aber nur an den jeweils Eigenen!)

Doppelausgabe TRACKtate + rilleradio

11/14/2009 von tracktate

Heute hatte ich nach langer Pause mal wieder die Ehre als Freizeitradiojournalist in meinem Lieblingsradio „radio blau“ meine beiden Sendungen über den Äther zu jagen.

Drei, der von mir produzierten Beiträge, könnt ihr an dieser Stelle nachhören.

1. Kommentar: Die Dichotomie des 9. November

anhören (klicken): Die Dichotomie des 9. November

Warum gibt es einen 3. Oktober als „Nationalfeiertag“ wenn ein Erinnerungsbombast sondersgleichen für den 9. November propagiert wird? War da nicht was mit diesem Tag? Wie wird man dem „Schicksalstag der Deutschen“ gerecht?

2. Höressay: Was ist Öffentlichkeit und warum ist freies Radio wichtig? oder Was hat der Sozialphilosoph Jürgen Habermas mit radio blau zu tun?

anhören (klicken): Habermas Höressay

Es ist der Versuch die derzeitige bedrohte Lage des freien Radios in Leipzig zum Ausgangspunkt zu machen darüber nachzudenken, warum Mensch eigentlich unabhängige nicht-kommerzielle Medien braucht.

3. Filmrezension: Das Summen der Insekten

anhören (klicken): Das Summen der Insekten

Siehe dazu meinen Blogeintrag.

Playlist

TRACKtate 13.00 – 14.00 Uhr

01. K.C. McKanzie – Lovesick Boy

02. Sara Hickman – Mad World (Tears for Fears)

03. Kommentar: die Dichotomie des 9. November

04. Aimee Mann – The Scientist (Coldplay)

05. Cry Cry Cry – Fall on me (R.E.M.)

06. Manja – Kling Klang feat. radio blau

07. Höressay: Was ist Öffentlichkeit und warum ist freies Radio wichtig? oder Was hat der Sozialphilosoph Jürgen Habermas mit radio blau zu tun?

08. Sarah Jakosz – Shankill Butchers (The Decemberists)

09. Filmrezension: Das Summen der Insekten

10. Chuck Ragan – Old rules

rilleradio 14.00 – 15.00

01. Morrissey - Because of my poor education

02. Editors – You don’t know Love

03. Dead to Me – A day without war

04. Banner Pilot – Skeleton Day

05. Junius – A Dramatist plays Catastrophist

06. Freddy Fischer & his Cosmic Rocktime Band – Halt mein Herz

07. Tom Waits - Circus

08. The Black Heart Procession – Back to the Underground

DOK Leipzig – zum Zweiten

11/02/2009 von tracktate

Es war eine schöne letzte Woche. Ich habe insgesamt 11 Filme gesehen. Rückblickend war Das Summen der Insekten das Highlight. Ich möchte aber nicht versäumen den geneigten Leser dieses Blogs noch auf zwei „Perlen“ aufmerksam zu machen:

1. SIDE BY SIDE (SIDE OM SIDE)

SIDE OM SIDE / SIDE BY SIDE from We Know Music on Vimeo.

Ein wunderbarer Film über den ganz normalen Wahnsinn.

2. AND THERE IN THE DUST

Die Unbeschreiblichkeit der Vergewaltigung eines 9 Monate alten Babys.

Ich komme nicht her, ich gehe hin

10/30/2009 von tracktate

(den hier folgenden Beitrag kann man ebenfalls auch als Beitrag für meine Radiosendung TRACKtate beim freien Radio „radio blau“ aus Leipzig anhörenHier klicken)

Eine undefinierbare Anzahl von Geräuschen. Ein einziges Ziepen, Surren, Summen, Schnalzen, Pochen, Sirren, Flirren, Schwirren und Brummeln. Die Sonne bricht sich im dichten Blätterdach eines urwüchsigen Waldes. Trotz des wahnwitzigen Trubels strahlt dieser Ort vollkommene Ruhe aus. Der Protagonist des Films hat sich diesen Ort zum Sterben ausgesucht.

Mit einer zauberhaften Kamera, die den Zuschauer zum handelnden Subjekt erhebt, begibt sich Peter Liechti auf die Spurensuche nach einem Mann um die 40, der auszog um zu sterben. Man sieht keinen Mann, der allein im Wald verhungert. Man sieht den Wald mit seinen Augen. Später wird die mumifizierte Leiche von einem Weidmann auf Hasenjagd entdeckt. Zu diesem Zeitpunkt liegt längst Schnee. Das sommerliche bunte Treiben ist von einem dumpfen Weiß erstickt.

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Es ist diese erste fernsehkrimiaffine Ebene mit der „Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie“ beginnt. Schnee. Ein Leichensack. Der Wagen eines Bestattungsinstituts. Danach nimmt der Film den Zuschauer mit auf eine Reise ohne Wiederkehr. Eine Reise auf der mit jeder Minute mehr die Identifikation mit dem Todeswunsch des Hungernden wächst. „Man“ möge ihn doch endlich erlösen, „man“ möge ihm doch endlich seinen Wunsch erfüllen – „man“. „Man“ ist der Fährmann, das Licht, der schwarzgepunktete Schimmel, der über eine Wiese voller Morgentau trottet. „Man“ ist etwas, das auch der Protagonist Gott nennt, ohne gläubig zu sein. Es sind mannigfaltige Bilder, die ihn in Träumen heimsuchen, die seinen ausgemergelten Körper fiebertraumgleich sinnieren lassen – Die Fähre samt Kapitän, die ihn übersetzt in die andere Welt. Das Licht, das ihn ummantelt, gänzlich einschließt in eine Dimension ohne Körperlichkeit, ohne Zukunft und ohne Vergangenheit. Nur das Jetzt. Das Hier bleibt vorübergehend beklemmend.

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Das physische Nachvollziehen des über 60 Tage andauernden Hungerns. Tage, die nicht enden wollen. Nächte vor dem Radio mit Johann Sebastian Bach. Musik, die – wie er sagt – das Hungern vergessen macht. Ein unmenschlicher Schmerz. Sekunden, die sich wie Minuten anfühlen. Der Wunsch nach einer Uhr, die schneller vorantickt. Das Prasseln des Regens auf der halbherzig aufgespannten Zeltplane, das klingt wie sich nähernde Schritte. „Er“ fragt sich, was er wohl tun würde, wenn jemand kommt, um ihn zu retten. Als Zuschauer schreit es einem aus dem eigenen Gedankenpalast entgegen: „Nein! Es darf niemand kommen. Lasst ihn um Himmels Willen sterben.“

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Es ist der Wunsch der den Protagonisten eng neben einen selbst zieht. Jemandem einen Wunsch abschlagen von dem dieser überzeugt ist, der für ihn das Größte ist – für den er lebt – wer kann das?

Liechti unterbricht diese Ebene immer wieder. Wenn man an einem Ort ankommt, ist man ein Stück weit noch da, wo man herkommt. Die Sequenzen der vorbeifahrenden Züge, von Passanten in Fußgängerzonen – letztlich – der urbane Raum, verblasst immer mehr. Surreale Assoziationsketten stehen zwischen Sensenmann, Kettenkarussell und Messerwerfer nun im Fokus, entführen den Zuschauer und machen die Entscheidung des Protagonisten für 90 Minuten zur Eigenen.

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Der Protagonist kommt im Wald an und ist allein mit sich – allein mit dem Zirren, Flirren und Schwirren um ihn herum. Der Hunger macht ihn bereit hinüberzugehen. Doch der Fährmann lässt auf sich warten. An einer Stelle fragt er sich – am 40. Tag – warum Jesus jetzt gehen durfte und er selbst noch weiter hier siechen muss. Es soll noch über 20 Tage dauern. Bald kann er den Tod an sich selbst riechen. Er zieht ein. Er vernichtet erst den Körper, dann den Geist und zuletzt die Seele. Gut, dass er Eau de Cologne dabei hat.

Am Anfang und am Ende ist Licht. Endlich, denkt man. Ein Wunsch geht in Erfüllung. Dankbarkeit. Die Fragen, warum Menschen durch Verhungern aus dem Leben treten möchten, stellt sich erst später auf dem Nachhauseweg. So weit hergeholt ist das nicht. Erst einmal ist da aber nur Erleichterung. Ein Mann macht sich auf um hin zu gehen. Auf diese Reise vermag Peter Liechtis Film eindringlich mitzunehmen. Wo er herkommt, was ihn antreibt und wie eine Gesellschaft aussieht, die Menschen diesen Weg gehen lässt – mit diesen Fragen bleibt der Zuschauer allein. Darin liegt wohlmöglich die große Kunstfertigkeit des Filmemachers dem Stoff gegenüber. Bei Liechtis Dokumentarfilm handelt es sich schließlich um die dokumentarische Inszenierung eines fiktionalen Textes, der auf einer wahren Begebenheit beruht.

Hier kann man sich einen Trailer ansehen.

„Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie“ lief gestern im Rahmen des 52. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

Weltuntergangsstimmung Galore – Junius live in Chemnitz

10/25/2009 von tracktate

Wenn Chemnitz seine Enthusiasten nicht hätte, sähe es mau aus. Diese Enthusiasten organisieren seit vielen Jahren immer wieder feine kleine Konzerte im kleinen Saal – St. Etienne genannt – des AJZ zu ehemals Karl-Marx-Stadt. Als verwöhnter Leipziger findet man leider viel zu selten den Weg in die beschauliche Stadt der Moderne um im jeweils überschaubaren Publikum tolle Bands zu sehen.

Der Chemnitzer an sich geht gerne zu den DödelhaienAgnostic Front und Fettes Brot. Um progressive, kleine, unbekannte aber ungemein liebenswerte Independent Indie-, Punk-, Postrock-Bands macht er aber einen Bogen. Womit wir wieder bei den Enthusiasten wären, die den Kopf nicht in den Sand stecken.

Gestern waren Tone, September Malevolence und Junius zugegen. Als wir Punkt 22.00 ankamen – zu einer Uhrzeit also, bei der in Leipziger Konzertlokalitäten frühestens angefangen wird – spielten Tone schon ihr letztes Lied. Tone kommen aus Dänemark und machen Laptop-Core. Sozusagen. Eine Frau, ein Mann, zwei Computer, ein paar Effekte und eine begleitende Videoinstallation. Diese war – zumindest während des letzten Songs – ohne Gnade belanglos.

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September Malevolence kommen aus Schweden und machen Post-Rock. Da ist es dieser Tage schwer das Rad neu zu erfinden. Noch schwerer ist es nicht wie alle zu klingen. In kleinen Momenten schafften das die vier – typisch schwedisch – adrett frisierten und gekleideten Herren. Insgesamt aber fehlen die dynamischen Berg- und Talfahrten, die stimmliche gänsehautverursachende Tiefe und die kompositorische Überraschung. September Malevolence sind nett. Und nett sind viele.

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Dann Junius aus Boston. Ein Gesamtkunstwerk. Drei von vier Juniusisten trägt das gleiche Paar Schuhe. Der Schlagzeuger spielt barfuss. Auf der Bühne malt nur eine Farbe. Schwarz. Diese Band vermag ein Soundgewitter heraufzubeschwören. Das ist durchaus im wörtlichen Sinne gemeint. Zunächst das Gewitter: Schlagzeug und Bass sind das was man eine Einheit nennt. Alles auf den Punkt. Kein überflüssiger Bombast. Kein „der Basslauf passt zwar nicht, aber schau mal wie schnell und gut ich spiele“. Beide Instrumente bilden gleichsam den Hintergrund, das Firmament vor dem die beiden anderen Protagonisten für Blitz und Donner sorgen. Ein Gitarrist ist ein Schlaks vor dem Herrn und hat den gleichen Frisör wie Kurt Ebelhäuser. Er ist ein Leisetreter. Einer der für die richtige Stimmung sorgt. Der den Donner anstachelt und den Blitz herausfordert. Für beides ist gleichzeitig Sänger und Gitarrist Joseph E. Martinez zuständig. Seine Stimme ist der Donnerhall. Ganz geradlinig, sonor und mitreißend. Dieser Mann wirkt wie einer der gerne mal im Wald übernachtet und zu Selbsterfahrungszwecken Ameisen isst. Seine Gitarre ist dabei seine Wünschelrute. Mit ihr sucht er den Blitz. Hat er ein elektromagnetisches Feld ausgemacht, kommt die Entladung.

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Was machen Junius? Sie machen Rock. Sie sind irgendwie auch Hardcore. Eigentlich aber sind sie Punk. Mhm. Ich sagte zu Beginn sie beschwören ein Soundgewitter herauf. Wie das Soundgewitter entsteht, dürfte jetzt klar sein. Die Verschwörung verrät mehr über das, was Junius machen. Sie erschaffen eine eigene Welt. Diese beruht auf ihrem neuen Album „THE MARTYRDOM OF A CATASTROPHIST“ auf den Ideen des Wissenschaftlers Immanuel Velikovsky. Es geht um Katastrophen, den Weltuntergang und die Idee welchen Einfluss das alles auf die gesellschaftliche Psyche hat. So klingen Junius.

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Mich haut die Band um – auch noch aus einem anderen Grund. Sie stehen in einer Welt der digitalen Downloads ein für das haptische Erlebnis Musik. Ihre LP erscheint als Doppel-Vinyl mit einem 16-seitigem 12“ großen Begleitheft. Zu jedem Song gibt es eine Illustration. Weltuntergangsstimmung Galore. Das Vinyl ist farbig und sieht aus wie eine Tasse Kaffee in die man gerade Milch gegossen hat. So muss das sein.

Ein Blogeintrag über das Nicht-Bloggen

10/11/2009 von tracktate

Jetzt ist genau das passiert, was man eigentlich nicht möchte in so einem Blog, wie ich ihn habe: Gähnende Leere, keine Frequenz von Einträgen, die den Lesern das Gefühl gibt in meinem Leben passiert eine Menge. Ich untergrabe damit das, wofür das Bloggen eigentlich steht. Nun man kann entgegenhalten das genau dieses unausgesprochene, aber von jedem Blogger verinnerlichte Mantra, ja auf der anderen Seite dazu führt, dass die Blogosphäre zu 95% aus Schrott besteht. Wie schön ist es dann, dass ich mich nicht am Abwracken meines Lebens beteilige. Dabei gibt es eigentlich eine Menge zu erzählen, das nicht auf Informationsfriedhöfe gehört, sondern vielleicht vielmehr vermag dem einen oder anderen ein Lächeln, ein Mitfühlen, ein Wiederentdecken oder ein Verstandenfühlen abzuringen.

Ich hätte sehr gerne noch den Bericht zu Tschechien Pt. II verfasst, in dem es um den Ausflug nach Terezín gehen soll. Ich wäre gerne erneut ins Schwärmen geraten beim Verschriftlichen der mich von Kopf bis Fuß umgarnenden Präsenz eines Chuck Ragan bei seinem Leipzig-Gastspiel. Dasselbe gilt für die unnachahmliche Darbietung von Prinz J. „Gandalf“ Masic und seinen Juniordinosauriern. Am allerliebsten aber hätte ich gerne von meinem Kampf mit einem Hecht an meiner Angel im Dagowsee berichtet, welche Adrenalinausschüttungen damit verbunden waren und wie ich am Ende zitternd, mit abgerissenem Stahlvorfach in den Händen, traurig, rauchend und ernüchtert auf dem Boot saß, während um mich herum die kleinen Schwarmfische die letzten Sonnenstrahlen des Tages mit kleinen Sprüngen aus dem Wasser zu erhaschen versuchten. Das hätte ich gerne erzählt. Auch wie ich William E. Whitmore traf und wir uns über Heimat unterhielten – über Iowa, Zeitz, Lombas im Sambischen Dschungel und wie er versucht mit dem Banjo bewaffnet die Kojoten zu vertreiben. Als er dann im altehrwürdigen UT-Connewitz auf die Bühne trat und gleich zu beginn „l’m Building Me A Home“ anspielte und mir eine kleine Gänsehaut – wiederum von Kopf bis Fuß – sagte: „Gut, dass du hier bist mein Junge.“

Es passiert also eine Menge und ich schreibe nicht darüber. Weil mir nicht danach ist – viel zu oft nicht danach ist. Weil ich enttäuscht bin, wenn man nach 2,5 Jahren per E-Mail gekündigt wird. Nicht über den Fakt an sich, sondern aufgrund der Art und Weise. Weil ich einen Hals bekomme, wenn das was in Leipzig „friedliche Revolution“ genannt wird 20 Jahre danach zum Event verkommt und auf den Handyfotokameras die „kerzende 89″ gleich nach WM 2006 und Beachvolleyballtunier gespeichert wird. Weil ich es als schreiend ungerecht empfinde, dass ich mir seit Jahren den Buckel wund arbeite, um mein Studium zu finanzieren, trotzdem auf Unterstützung meiner Eltern angewiesen bin und – obwohl ich dazu sehr sparsam bin – nie Geld habe. Weil so viele dickärschige Mitmenschen nichts von alledem nachvollziehen können, geschweige denn erlebt haben, aber mir trotzdem immer eines voraus haben: Mein schmaler PoPo ist noch meilenweit von der Wand entfernt, während ihr dickes Hinterteil schon am anschmiegen ist – kurz unterbrochen, um Kaffee zu bestellen.

Weil ich nie Zeit habe mich um die wichtigste Sache derzeit zu kümmern – das Schreiben meiner Magisterarbeit. Weil es eine bodenlose Erfahrung ist bei meinem zweiten von drei Jobs im Altenheim nach 9 Monaten psychisch wie physisch zu erfahren, dass dieses Pflegesystem für alte Menschen wie auch für das Personal eine Demütigung, Ohrfeige und auf Deutsch unmenschlich ist.

Zu allem Überfluss brechen dann noch Instanzen weg – gute, liebe Menschen gehen für ein paar Monate weg und meine Band legt sich auf Eis, weil die ideelle Lebensgemeinschaft, die wir mal hatten, zerstört ist.

Was ich eigentlich sagen will: Ich sitze das alles aus, melde mich hier und da, gebe die Abschlussarbeit ab, mache den einen oder anderen Job und melde mich ab 1.4.2010 für Hartz IV an – dann geht’s hier richtig los.

Impressionen aus Tschechien Teil 1: Gedenkstätte Lidice

08/22/2009 von tracktate

Im Sommer 1942 ging die Welt unter in Lidice. Das Terrorregime der Nazis zeigte der tschechischen Zivilbevölkerung seine hässlichste Fratze. Nach dem erfolgreichen Attentat auf den „stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren“ Reinhard Heydrich statuierten diese ein Exempel. Die Zivilbevölkerung sollte ‘erfahren’, welche Folgen Attentate, Protestaktionen oder Boykotte gegen die Nazis haben.

Alle Männer wurden erschossen. Die Frauen in ein Konzentrationslager deportiert. Die Kinder in ein Jugendkonzentrationslager gebracht und vergast. Die Nazis löschten den Ort aus:  Nachdem sie alles niedergebrannt hatten, wurden alle Häuser eingerissen und der gesamte Ort eingeebnet. Lidice und seine Bewohner wurden vernichtet.

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Wenn man heute nach Lidice fährt, steht man auf einem Hügel. Im Rücken befindet sich das 2000 neu geschaffene Museum und das monströse sozialistische Denkmal. Vor einem wellt sich der Hügel einen seichten Abhang hinunter. Das Areal mutet im ersten Moment wie eine Parkanlage an – sauber und gepflegt. Leicht rechts versetzt steht die imposante Skulptur zum Gedenken der Kinder von Lidice, die verschiedene Künstler gemeinsam gestaltet haben. In der Senke, die sich am Fuße des seichten Abhangs abzeichnet, erkennt man an niedrigen Mauerüberresten die Kirche – neben einem kleinen Ausschnitt der Grundmauern des Gehöfts auf dem die Männer aus Lidice erschossen wurden die einzigen Überreste. Gemeinsam bilden diese Mauern steinerne Überbleibsel, die daran erinnern, dass hier mal ein böhmisches Dorf mit Dorfteich, Kirche, Schule, Dorfkneipe, Fleischerei, Bäckerei, Schmiede und vielen Bauerngehöften existierte.

lidice_2Das Besondere bei dem Rundgang über das Gelände ist dem Museumsbesuch im Vorhinein zuzuschreiben. Das Museum ist klein. Mit seinen kahlen Betonwänden versprüht es einen modernen Charme und mag nicht so richtig zu dem großen Mahnmal aus kommunistischer Herrschaft vor der Eingangstür passen. Der Rundgang umfasst acht Stationen. Die erste ist ein Video, das die Geschichte Lidices im Sommer 1942 kurz umreißt. Das ummantelnde Konzept wird hier schon offenbar: Im Mittelpunkt steht die Konterkarierung der Fakten. Dorfbewohner bei der Ernte in einem idyllischen Sommer vs. aufmarschierende Truppen in Prag, verliebte Pärchen auf einem kleinen Kahn rudern über den Dorfteich vs. Adolf Hitler auf dem Reichsparteitag. Die Bilder auf den drei Leinwänden überlagern sich – visuell wie auditiv. Man weiß nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Der Abriss der Ereignisse fühlt sich an wie Karussell fahren.

Die Ausstellung selbst ist in sieben Stationen unterteilt und setzt die Überlagerung der Geschehnisse fort. Video-, Bild- und Toninstallationen zeichnen die Geschichte des Ortes im Sommer 1942 nach. Auch wenn man gerade Fotos an Station 6 betrachtet, hallen die Marschgeräusche der Truppen und die Jubelschreie der Sudetendeutschen 1939 beim Einmarsch der Wehrmacht von Station 3 herüber. Das Allgemeine ist vom Besonderen nicht zu trennen. Alles verknüpft sich miteinander und überlagert, verfitzt sich.

lidice_4Und dann tritt man wieder hinaus aus dem fensterlosen modernen Betonrundbau. Das Sonnenlicht blendet. Die Vögel zwitschern. Entfernt hört man die Bundesstraße und die vorbeirauschenden Autos. Es sind nur ein paar Schritte bis zum Kamm des Hügels von dem aus der Blick ins Tal, in dem Lidice stand, möglich wird.

Man läuft den kleinen asphaltierten Weg den Hügel hinunter. Es hat den Anschein als laufe man nicht durch einen Park. Man kann spielende Kinder hören, das Lachen der Mädchen beim Heueinholen, das Klappern der Holzräder der Bollerwagen auf denen große Brüder kleine Brüder über den Dorfplatz ziehen. Man hört das Aufschlagen der Pferdehufe. Es rollen schwerbeladene Wagen mit Getreide vorbei.

Das überlagern der Bilder, Filmaufnahmen und Tondokumente im Museum lässt einen nicht los. Die Unvorstellbarkeit der Geschehnisse entfaltet sich langsam. Mit jedem Schritt Richtung Senke verschwinden die Bilder und Töne. Da ist wieder nur der Park, die Vögel und der wolkenlose Himmel. Im Gästebuch des Museums hat ein deutscher Mann eine Botschaft hinterlassen: „Nun bin ich 65 Jahre alt und schäme mich mal wieder Deutscher zu sein.“

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Playlist rilleradio 22.08.2009

08/22/2009 von tracktate

Eben wieder rein zu Hause aus der radio blau Zentrale. Schön wars!

01. Samiam – Factory
02. Chuck Ragan – Cut em down
03. Tom Gabel - Cowards sing at night
04. Chuck Ragan – Don’t say a word
05. Boxhamsters - Schluchtenflitzer
06. Biestig – Ich hör dir zu
07. The Solution – You never liked me somehow
08. Dinosaur Jr. – I want you to know
09. Dinosaur Jr. – Budge
10. Propagandhi - The funeral procession
11. Paint it Black – Surrender
12. Randy Crawford – Street Life
13. Eels - In my dreams
14. Woyzeck - Zaun & Gräben
15. Eels – My timing is off
16. Warning - Faces
17. Manfred Krug – Liebe kleine Schaffnerin
18. William Elliot Whitmore – Hell or high water
19. Monozid - Waiting for the circus
20. Big Drill Car – What you believe

Crottendorf laden zum schwimmen ein im Stadtbad Leipzig

08/03/2009 von tracktate

glühbirnen_feuerringeDas Leipziger Stadtbad hat seine besten Zeiten hinter sich. Grau und etwas schäbig steht es an der Eutritzscher Straße. Seit einiger Zeit jedoch flammt Hoffnung auf, das alte Gemäuer nicht einem schleichenden Verfall ausgesetzt zu sehen, denn eine Stiftung hat sich des Kulturdenkmals angenommen und versucht nun mit allerlei Brimborium öffentlichkeitswirksam für den Erhalt des Gebäudes und dessen kulturelle Nutzung zu werben.

Die FilmKunst Sommertour ist eine feine Sache, denn so kommen im Sommer die Filme zu den Biergartenverliebten, während der Kinosaal bei schönem Wetter meist leer bleibt. „Aus der Not eine Tugend gemacht!“, nennt man das und dazu die Verhältnisse verkehrt, denn nun kommt der Berg wahrlich zum Propheten.

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Der Auftakt der Sommertour fand in besagtem alten Stadtbad statt und wurde neben den Kurzfilmen umrahmt von einer Fotoausstellung und einem Konzert der Leipziger Instrumental-Post-Rock-Band CROTTENDORF.

Das Ambiente des alten Stadtbades ist einmalig und als Kulisse für Kulturveranstaltungen gleichsam prädestiniert: Man wähnt sich weniger in einem Bad, das im wesentlichen zum Zwecke der Körperpflege und körperlichen Ertüchtigung errichtet wurde, als vielmehr in einer Mischung aus 1000 & eine Nacht, orientalischem Großmarkt und Space Night. Dazu trägt vor allem die orientalische Damensauna bei, die einen mit ihren feingliedrigen Mosaiken zum Verweilen anhält.

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Die spärliche Beleuchtung im ganzen Objekt regt darüber hinaus jeden Hobbyknipser zu kleinen fotografischen Experimenten an. Die Fotoausstellungen hab ich leider nur am Rande mitbekommen, ebenso wie die Kurzfilme, denn die Eingangshalle des Bades war bis auf den letzten Platz besetzt. So wartete ich eine ganze Zeit lang draußen an der frischen Luft, während immer mehr bekannte Gesichter eintrafen. Ich wurde Zeuge wie sich CROTTENDORF vor ihren Konzerten gegenseitig massieren, und konnte einen Punker erspähen, der den tollsten und „old schooligsten“ aller Nietenlederjacken Jeanswestenslogans auf seiner Jacke spazieren trug.

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CROTTENDORF haben mir in der Empfangshalle des Stadtbades dann sehr gut gefallen. Da die Band erst seit einem Jahr zusammenspielt, gab es natürlich noch die einen oder anderen Längen in ihren Kompositionen, aber von den etwa acht abwechselungsreichen Songs konnte knapp die Hälfte sehr überzeugen – vor allem dann, wenn eine der beiden Gitarren ein sich immer wiederholendes Thema spielte, das den Song gleichsam ummantelte. Die elektronischen Einsprengsel fügten sich sehr dezent in die klassische Besetzung Bass, Gitarre und Schlagzeug ein.

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Alles in allem ein schöner Abend - und wenn ihr einmal über die Ankündigung einer Veranstaltung im alten Stadtbad stolpert, dann lasst Euch die Gelegenheit diese fulminante Location einmal zu besuchen nicht entgehen!