Es ist der Tag danach. Der Tag nach der Offenbarung. Ich kann von mir behaupten, viele der Musikanten, die mir etwas bedeuten, schon auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gesehen zu haben. Die, die ich nicht gesehen habe, sind tot oder nicht mehr aktiv. Morrissey hatte ich auf seinen spärlichen Konzertreisen in den letzten 10 Jahren nicht sehen können – entweder war ich im Ausland oder ich konnte zu dem Termin in meiner Nähe nicht. Gestern war es dann soweit. Berlin. Columbiahalle. 21.00 Uhr.
Ein Schüttelfrost, eine Gänsehaut und die ersten 3 Akkorde von „Charming Man“ später, stehe ich auf der Empore der Columbiahalle, blicke auf die Bühne und für einen kleinen Moment steht mir Wasser in den Augen. Erklären kann ich das nicht. Es ist ein Konglomerat aus Morrisseys unnachahmlicher Bühnenpräsenz, dieser Stimme, der Texte, des guten Sounds und die Schönheit des perfekten Moments, die ohne das Zutun des Geistes diese körperliche Reaktion hervorrufen. Glück ist kein Objekt; vor allem kein Zustand, sondern ein Talent. Ein Talent den perfekten Moment zu suchen und zu finden. 21.00 Uhr auf der Empore der Columbiahalle zu Berlin war ein perfekter Moment. Ich der Hans im Glück. Morrissey die Gans.
Es folgt dann Highlight auf Highlight – „Last I Spoke To Carol“, „How Can Anybody Possibly Know How I Feel?“, „How Soon Is Now?“, „I’m Throwing My Arms Around Paris“ und „The World Is Full Of Crashing Bores“. Zwischen den Liedern blieb keine Zeit sich Bewusstzumachen, mit welcher Hitdichte und „Fäuste-in-die-Luft“- bzw. „Schreien-bis-zur-Heiserkeit“-Momenten die Zeit unter der Schwelle der Wahrnehmung verfliegt. Ein Sog. Zwischen den Liedern kaum Zeit Luft zu holen. Eine Predigt, bei der der Pfarrer, nicht müde wird auf seine zahlreich versammelten Schäfchen einzureden, dass die Welt nur aus Idioten besteht, Stahl und Stein als Projektion für Liebe taugt und Menschen in Uniform die Geburtshelfer des Wahnsinns sind. Zu jeder Zeit. Überall. Kein Wechselbad der Gefühle, sondern ein kollektives Gefühl des Sich-Verstanden-Fühlens, des Nicht-Alleine-In-Die-Hölle-Gehen-Zu-Müssens und das unsichtbare Band des kollektiven Überzeugung nicht allein zu sein mit seinem Nihilismus, seiner Misanthropie und seinem Zynismus.
Die knapp 80 Minuten, die man gebannt auf die Bühne starrt, sind viel zu schnell vorbei. Wie jetzt schon? 20 Lieder? – Viel zu wenig. Aber es sind die Momente, die Glück versprechen, nicht der Glaube daran aus Momenten einen Zustand zu formen. Morrissey verlässt die Bühne. Die Menschen verlassen den Saal. Jeder nimmt ein Stück von seiner Gabe mit. Nerds sagen Morrissey rettet Leben. Ich sage Morrissey macht glücklich – in der hier dargelegten – meiner Meinung nach – einzig Gültigkeit besitzenden Variante. Momente, die man nie vergisst. Das Gefühl von Gutaufgehoben. Danke Moz.
Schlagworte: 12.06.2009, Berlin, Columbiahalle, Glück, Konzertreview, Morrissey, Rezension

06/13/2009 um 16:44 |
[...] Und das sagen die anderen: (wird laufend ergänzt) Tracktage – Das Gefühl von gutaufgehoben [...]