Meine verrückte Liebe zu Depeche Mode

9 Jun

Gestern Abend startete unfreiwillig die Europatournee von Depeche Mode neu. Frontmann Dave Gahan musste vor kurzem unters Messer: Diagnose kurz vor dem Konzert vor ca. vier Wochen in Athen – Blasentumor. Dem Mann gebührt großer Respekt dafür sich nach einem solchen Eingriff bereits nach so kurzer Zeit wieder auf eine Bühne zu stellen und sich einer neuerlichen Welt- Tortour auszuliefern. Der Jüngste ist er und seine beiden Mitmusikanten nun auch nicht mehr.

Von all dem merkte man während des Konzerts nichts. Die Band gab ein souveräne Songauswahl zum Besten, die mit Klassikern wie „Walking in my Shoes“, „Question of Lust“, oder „Stripped“ genauso aufwartete, wie mit Songs des neuen Albums „Sound of the Universe“. Wenn ich die Erleichterung über die schnelle Genesung Gahans einmal außer Acht lasse, weiß ich trotzdem nicht, was ich von diesem Abend halten soll.

Es gab natürlich die großen Gesten: Gahans nur von einer Weste bedeckter nackter Oberkörper, der den Mikroständer mit ausgestrecktem Arm weit in Richtung Publikum weist, um die griffigen Refrains den 40.000 Menschen im Leipziger Zentralstadion zu überlassen, Martin L. Gore, der engelsgleich am Bühnenrand steht und zwei Lieder nur spärlich instrumentiert ganz allein performt und Anflüge von Gänsehaut, wenn 40.000 Menschen „Reach out and touch Faith“ brüllen.

Trotzdem: Der letzte Funke Begeisterung fehlte. Natürlich kann das an einem vielleicht doch angeschlagenen Gahan gelegen haben, vielleicht auch daran, dass Massenveranstaltungen dieser Art Menschen wie mir, die eher den kleinen Club bevorzugen, generell keine wirkliche Freude bereiten können – zu viel Bratwurstduft, zu teure Getränke, zu viel Volksfest und zu viele Diskoidioten, die auf DEN Hit warten, den sie aus ihrer samstäglichen MTL-Dorfdisko kennen und selbst bei Balladen nicht aufhören können mitklatschen zu wollen – überhaupt das Mitklatschen – Ich trete für das Verteilen von Handschellen an Menschen mit Arschgeweihen und Oberarm-Tribal-Tattoos vor Konzertveranstaltungen ein. Jawohl!

Bei anderen großen Konzertveranstaltungen wie bei R.E.M. (Räusper: 4x), Festivals wie Bizarre, Hurricane oder Highfield konnte ich meinen Unmut über meine Mitmenschen, den miesen „Stadionsound“ (im Vergleich zum Clubkonzert) und die kommerziellen Bedingungen ausblenden. Gestern wollte mir das nicht gelingen.

Daran sind auch Depeche Mode selbst nicht ganz unschuldig gewesen. Natürlich warten bei dieser Band immer alle auf ihren persönlichen Hit, in diesem Falle höchstwahrscheinlich die Mehrzahl auf die persönliche Hymne ihrer Jugend; aber die Songauswahl war für mich persönlich unbefriedigend.

Es gibt tolle Bands wie die Pet Shop Boys oder R.E.M., die das Un-Glück hatten einen Hit zu schreiben, den die Tribaltattooisten und Arschgeweihträgerinnen auch mögen, wenn auch nicht verstehen – „Losing my religion“ und „Go West“ sind einleuchtende Beispiele. Für Fans, Anhänger und langjährige Wegbegleiter dieser Gruppen sind dies meist die Lieder, die am wenigsten zum Gesamtoeuvre der Musiker passen oder ganz und gar aus dem Rahmen fallen und in keiner Weise repräsentativ für das sind, was man persönlich und subjektiv an der Band liebt, sogar was einen Selbst mit der Band zu verbinden scheint.

Auch Depeche Mode haben solche Songs geschrieben – „Stripped“ und „Walking in my Shoes“ zum Beispiel – die haben sie gespielt. „Shake the Disease“ und „World in my Eyes“ nicht – das wären dann „meine Hymnen“ gewesen. Den Anklang eines versöhnlichen Endes fand der Abend aber irgendwie doch – „Strange Love“ mein Lieblings-Depeche Mode-Stück kam als eines von vier Liedern in der Zugabe und entließ die Wegbegleiter, das Diskopublikum und mich in eine recht laue Leipziger Nacht.

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2 Antworten to “Meine verrückte Liebe zu Depeche Mode”

  1. spanksen 06/09/2009 um 12:01 #

    Vielen Dank für deine Eindrücke!

  2. Haschek 06/10/2009 um 10:15 #

    Zusätzlich noch Knebel zwecks Geräuschunterdrückung bei bestimmten Arten von Songs, aktuelles Beispiel aus Leipzig http://bit.ly/19PWS2

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