Das Kabinett des Dr. Parnassus

9 Jan

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Diese Rezension kann man sich hier auch als Audioversion anhören:

Es gibt Kinofilme von denen erwartet man im Vorfeld sehr viel. Oft lässt die Besetzungsliste das Herz höher schlagen. Manchmal kennt man den Stoff schon, weil man das Buch zum Film gelesen hat, und ist nun auf die filmische Umsetzung gespannt. Möglich ist auch, dass man deswegen mit hohen Erwartungen den Kinosaal betritt, weil das Zusammenspiel aus Besetzungsliste, Story und filmischer Umsetzung reizvoll erscheint. Nicht wenigen dürfte es mit „The Imaginarium of Doctor Parnassus“ (Das Kabinett des Dr. Parnassus), dem neuen Film von Terry Gilliam so gehen. Am Donnerstag dieser Woche lief dieser in den deutschen Kinos an.

Der Kinosaal füllt sich zum Deutschlandstart in den Leipziger Passage Kinos mit nahezu 80% weiblichem Publikum. Der während der Dreharbeiten verstorbene Heath Ledger, seit seiner Rolle in The Dark Night gefeierter und während der Dreharbeiten an einem Tablettencocktail verstorbener Schauspieler, dürfte aufgrund seiner Karriere als Teeniefilmstar daran nicht ganz unschuldig sein. Zudem ist Publikumsgarant Johnny Depp mit von der Partie. Der schönen Männer nicht genug agieren Tom Waits als Mr. Nick – ein Pseudonym für den Teufel höchstpersönlich – und Christopher Plummer als Dr. Parnassus. Da ist es also das Starensemble.

Die Geschichte des Films verspricht im Vorfeld einen Reigen phantastischer Welten. Dr. Parnassus besitzt die Gabe per Gedankenkraft die Träume und Wünsche seiner Medien zu materialisieren – sobald sie durch seinen Spiegel schreiten, befinden sie sich in der Welt ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte. Mit diesem Spiegel zieht Dr. Parnassus seit Hunderten von Jahren durch England. Weil er vor Urzeiten mit dem Teufel paktierte, gewann er Unsterblichkeit – allerdings um einen hohen Preis: Belzebub Nick kommt zum 16. Geburtstag seiner Tochter Valentina (Lily Cole) wieder vorbei, um sie zu holen. Der glücksspielverliebte Mr. Nick wettet aus vermeintlichem Mitgefühl mit dem Doktor dann aber doch um ein paar Seelen, um ihm eine kleine Chance zu geben, seine Tochter vor der Hölle zu bewahren. Parnassus helfen dabei der Gaukler Anton (Andrew Garfield), der kleinwüchsige Mann für alle Fälle namens Percy (Verne Troyer) und nicht zuletzt das Schlitzohr Tony (Heath Ledger).

Es war für Terry Gilliam alles andere als einfach diesen Film zu drehen. Ein Hauptdarsteller stirbt inmitten der Dreharbeiten und lanciert den Film damit in eine zweifache Wahrnehmung: Einerseits steht der Film für sich und andererseits wird er wohl für alle Zeiten als der letzte Film Heath Ledgers bewertet werden. Gilliam macht aus seinen Möglichkeiten alles – die nicht mehr umgesetzten Szenen Ledgers fallen nicht auf, weil der Spiegel des Dr. Parnassus Hedger’s Figur Tony beim Sprung in die Welt der Phantasie ein neues Antlitz verschafft – wahlweise jenes von Johnny Depp, Jude Law oder Colin Farrell. Der Regisseur widersteht außerdem der Versuchung aus Hedgers Ableben Kapital zu schlagen und den Film nachträglich um ihn herum zu inszenieren. Tony ist Teil des Ensembles und bleibt es auch.

Wie ein Sog schafft es der Film anfangs einen in die Idee des Spiegels und die Aura des Dr. Parnassus zu ziehen. Das Land der Wünsche, Sehnsüchte und Träume sieht immer anders aus – wo auf den einen eine verzaubernd-schillernde Unterwasserwelt wartet, ist es für den anderen – in diesem Fall die andere – eine Welt aus pompösem Schuhwerk in allen Größen und Farben. Schnitt, Beleuchtung und Regie greifen hervorragend ineinander, wenn die dunkle, laute und brutale Realität durch den Spiegel verlassen wird und grelle Farben, geißelndes Licht und atmosphärische Bilderwelten den Weltenreisenden wie den Zuschauer gefangen nehmen.

Doch dann wird es zäh. Die Handlung ist schlicht schnell durchschaut und es dauert kleine Ewigkeiten bis die Geschehnisse in punkto Dynamik gegen Ende des Films wieder an Fahrt aufnehmen. Durchbrochen wird die gut organisierte Langeweile immer wieder durch einen waldschratigen Tom Waits als diabolisches Schlitzohr. So wie Waits grazil den wendigen und allwissenden Teufel gibt, scheint es so als ob er – wie es unter Profischauspielern, die Boxer, Knastaufseher oder Polizisten spielen, üblich ist – Anschauungs- und Nachhilfeunterricht beim Original genommen hätte. Trotz dieser Aufmunterungen bleibt der fade Beigeschmack und stößt mitunter bitter auf: Etwa wenn der Gaukler Anton die heldenhafte Vergangenheit Tonys als Federführer im Wohltätigkeitsgeschäft mit dem englischen Pendant der BILD namens „Sun“ bewaffnet als Lüge entlarvt und die deutsche Übersetzung Tony sagen lässt: „Vertraue niemals dem Spiegel.“ Überhaupt ist der Humor oft hölzern. Der Humor in einem phantastischen Filmmärchen, das von den Dialogen, der Bildsprache und vor allem von der cleveren, auf Spannung geeichten Regie getragen werden sollte, muss, wenn Humor als Mittel eingesetzt wird, wie beiläufig daher kommen, sich anschleichen und den Zuschauer aus der Phantasie reißen – gleichsam mit dem Stoff brechen – nur um den Zuschauer dann wieder sanft in die Geschichte hineinzuziehen. Vor allem die betont witzigen Kommentare Percys erreichen leider oft das Gegenteil. Man wird herausgerissen und steht dann erst einmal sprichwörtlich in der Gegend herum.

Insgesamt ist der Film, unter den schwierigen Bedingungen seiner Entstehung betrachtet, dennoch als gelungen zu bezeichnen. Die oben beschriebenen hohen Erwartungen, ob der imposanten Besetzung und der märchenhaften Geschichte können aber nur zum Teil erfüllt werden. Der träumerische und über beide Ohren in Valentina verliebte Anton wird von Andrew Garfield fulminant in Szene gesetzt. Tom Waits als moderner Derwisch vermag einen durch Filigranität und ausdrucksstarkes Mimenspiel in seinen Bann zu ziehen. Heath Ledger glänzt als Ensembleschauspieler und Terry Gilliam gelingt es eine stringente Geschichte zu bewahren, trotz Ledgers Tod. Der fadenscheinige Humor und die teils langatmige Erzählweise erfordern Gelassenheit und Sitzfleisch. Für die Reise in eine phantastische Welt ist der Film trotz aller Schwächen uneingeschränkt geeignet.

Mit dem Abspann bleibt es nur einen Augenblick lang ruhig, bevor ein lautes Gemurmel im Kinosaal einsetzt. Die Blicke, der überwiegend weiblichen Zuschauerinnen verraten es: Sie fragen ihre Sitznachbarinnen, ob in ihrer Welt der Wünsche und Träume hinter dem Spiegel des Dr. Parnassus auch Johnny Depp und/oder Heath Ledger warten. Kurz darauf gehen sie nach Hause und kuscheln sich allein oder bei ihrem Freund unter die Bettdecke. Viele tragen eine Beule an der Stirn. Der Spiegel der Flurkommode war nicht der Eingang in die Traumwelt.

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2 Antworten to “Das Kabinett des Dr. Parnassus”

  1. cap82 02/19/2010 um 08:59 #

    Hallo,
    eine sehr ausführliche und detailierte Kritik!
    Ich schließe mich der Meinung an, dass der Film durchaus sehenswert ist, aber es leider nicht schafft völlig zu verzaubern. Zu viele kleine Handlungsstränge, die leider kein rundes Gesamtbild ergeben. Ich habe an mir und meinem Freund beobachtet, dass es einen Unterschied macht, wie man an den Film herangeht. Wer ihn sich völlig unvorbelastet ansieht, der kann relativ zufrieden oder sogar begeistert sein. Aber wer sich vorher schon so seinen gespannten Vorstellungen gemacht hat und all die Namen des Cast liest, kommt mit einer gewissen Enttäuschung aus dem Kino wieder raus. LG CaPo

    • tracktate 02/19/2010 um 09:09 #

      Hallo Carmen,

      danke für das Feedback. Bei dir gibt es ja auch viel zu entdecken – vor allem so viele Filme, die ich eigentlich sehen wollte…nun hole ich mir nach der Lektüre der Rezis bei dir nochmal die Rückversicherung, ob das DVD-Anschauen sich eines Tages lohnt… auch gut 🙂 Liebe Grüße Philipp

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