Auf zu Büffeln und Bären

9 Jul

Liebe Leser, liebe Leserinnen

es ist wieder Zeit für ein Abenteuer. Am Mittwoch werde ich über den großen Teich fliegen und dort für fünf Wochen in ein anderes Amerika einzutauchen versuchen, als man das gemeinhin tut: Kein Big Apple, keine Golden Gate, keine Route 66 und keine Niagarafälle. Ich möchte mich den Ursprüngen dieses Kontinents nähern und wo ginge das besser als bei Amerikanischen Ureinwohnern?

Vor vier Jahren lernte ich während einer studiumfinanzierenden Tätigkeit als nachtschichtendes Jungchen für alles in einem Youth Hostel in Leipzig einen „Indianer“ kennen. Er hielt sich im Rahmen eines universitären Austauschprojektes sechs Wochen in Leipzig auf. Mich interessierte sehr, wie das so ist als Teil einer marginalisierten Minderheit in einem Land zu leben, das ursprünglich mit dem Traum von einem Gesellschaftsmodell gestartet war, aus den verschiedensten Gruppen eine pluralistische Gesellschaft zu formen. Robert gehört zur Gruppe der Chippewa-Cree. So richtig viel wusste er selbst nicht darüber zu erzählen. Ein wenig unangenehm war es ihm zudem darüber zu sprechen, denn er versucht eigentlich „alles Indianische“ abzuschütteln. Nun steht da ein kleiner ostdeutscher Junge und fängt an ihn zu fragen: Was ist dein indianischer Name? Wo haben deine Vorfahren gelebt? Kannst du reiten? Wie ist das in einer Schwitzehütte?

„Hör mal, nur weil ich ein amerikanischer Ureinwohner bin, heißt das nicht, dass ich im Tipi wohne und auf dem Pferd in die Uni reite.“ Nun, das konnte ich mir auch denken, aber auf diesem Wege konnte ich ihn herauslocken… Rob erzählte mir wie es so ist aus seiner Sicht mit den Indianern, den Natives und den Amerikanischen Ureinwohnern in den USA. Ich staunte nicht schlecht: Leben im Reservat heißt Alkoholismus, Glücksspiel, horrende Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. „Wir als amerikanische Ureinwohner haben keine Lobby.“ Diesen Satz hat Rob oft gesagt. Da er außerhalb des Reservats aufgewachsen ist, hat er einen distanzierten Blick auf die Dinge. Ich empfand es eher als einen Blick, den er gerne haben will. Er sieht sich selbst als Amerikaner, obwohl er tagtäglich dagegen ankämpft als ein „Native“ wahrgenommen zu werden. Wir diskutierten viel und lange. Er reiste ab und wir hielten den Kontakt. Irgendwann entwickelten wir die Idee, dass ich ihn besuche, wir gemeinsam in das Rocky Boy Reservat im Norden von Montana reisen. Dort lebt seine Familie. Er fährt zwar ab und an hin, aber eigentlich will er damit nichts zu tun haben. So geht es vielen gut ausgebildeten Amerikanern mit „native roots“, die ankommen wollen im „American Dream„.

Nun wurde nicht nur geplant, sondern auch umgesetzt. Am Mittwochmorgen startet mein Flugzeug Richtung Chicago. Über das Wochenende bleibe ich dort, um mich zu akklimatisieren, das „Mitchell Museum of the American Indian“ zu besuchen und auch auf den Pfaden des frühen Soul zu wandeln. Dann geht es los: Ich werde von vier Rädern getragen „the frontier“ vor mir hertreiben. Im Badlands Nationalpark werde ich das erste Mal „den Wilden Westen“ sehen, wie wir ihn aus Western kennen. Danach werde ich zum Herzen Amerikas, dem Mount Rushmore, vordringen und auch bei „Crazy Horse“ vorbeischauen. Viele Leute sagen, dass man an keinem anderen Ort Amerika und seine Geschichte der Auseinandersetzung mit den Ureinwohnern bis in die Gegenwart hinein besser erfahren kann. Die Widersprüche sind hier König. Den „Devil’s Tower“ will ich danach besichtigen. Die Rocky Mountains tangiere ich im Anschluss, um in Bozeman, MT nach vier Jahren Robert wieder zu sehen. Gemeinsam fahren wir in das Rocky Boy Reservat.

Einmal dort angekommen, möchte ich versuchen einzutauchen, in die indianische Selbst- und Fremdwahrnehmung, mit den Alteingesessenen genauso wie mit den Zurückgekehrten, den Zurückgebliebenen und denen sprechen, die nur darauf warten den Absprung zu schaffen. Wie kann man eine vermittelte Lebensweise zwischen eigener Tradition und moderner Gesellschaft realisieren? Wo liegen die Probleme? Was sind die Hoffnungen und Träume junger Indianer für ihre Zukunft? Können diese im Amerika der Gegenwart erfüllt werden? Am Ende soll ein Bild entstehen von der Lebens- und Alltagswelt der Menschen in einem Reservat, vom Gefühl des Eingesperrt-, Ausgesperrt- und Ausgegrenztseins.

Hier auf meinem Blog möchte ich, so gut es die Internetverbindung erlaubt, immer wieder einen Einblick geben in den Fortgang meiner Recherchen. Ihr könnt über die Kommentarfunktion auch direkt Einfluss nehmen: Fragt mich, was ihr wissen möchtet. So kann ich diesen Input in die Recherche aufnehmen, denn schließlich soll am Ende ein Feature entstehen, das nicht nur meine Fragen beantwortet, sondern nicht zuletzt auch die Fragen der zugeneigten Leserschaft mit einbezieht. Es muss ja auch Synergien geben im Web 2.0.

In diesem Sinne,

kîhtwâm ka-wâpamitin

Philipp

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2 Antworten to “Auf zu Büffeln und Bären”

  1. puvo 07/13/2010 um 21:34 #

    Guten Flug dann also morgen und neben massig interessanten Eindrücken wünsch ich Dir natürlich vor allem: Viel Spaß!!
    :]

Trackbacks/Pingbacks

  1. Weiße Bohne, die von Osten kam « Haschek's Storyboard Galore - 08/01/2010

    […] ist gerade dabei, über die aktuelle Situation der Chippewa Cree-Indianer im Rocky Boy-Reservat zu recherchieren, sich dafür ein Auto zu mieten und in Zeremonien die Pfeife zu rauchen. Ich […]

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