Weisser Indianer I: Gerard Vandeberg

1 Aug

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Gerard Vandeberg ist 61 Jahre alt. Das Leben hat ihn zu grummeln gelehrt. Als Informatiklehrer schuetzt er sich so durchaus vor sich staendig wiederholenden Fragen, die mit ein wenig Probieren von jedem Schueler selbst beantwortet werden koennen. Auch wenn mir vorweg glaubhaft versichert wurde, dass die oft bemuehte Schale und der weiche Kern in der massigen Gestalt Gerards ihre Entsprechung finden, braucht es mehrere Momente bis wir miteinander warm werden. Als Europaeer hat man es dabei eigentlich Dank des amerikanischen Smalltalks immer leicht einen Gespraechsfaden aufzunehmen: erst das Wetter, dann die Familiengeschichte der europaeischen Vorfahren und zum Abschluss ein bisschen Flunkerei ob der Begeisterung ueber einige amerikanische Eigenarten. Mit Gerard ist es dennoch schwierig, weil er ein Hoergeraet traegt und man auf Tuchfuehlung gehen muss, um sich verstaendlich zu machen. Das nun wieder widerstrebt der europaeischen Art und Weise. Man haelt schliesslich erst einmal Abstand, versucht den Gespraechsfaden aufzunehmen und sich rueckzuversichern, ob man miteinander kann. Wenn man dafuer dem Gespraechspartner unvermittelt jedoch fast am Ohrlaeppchen knabbern muss, fuehlt sich das ungewohnt an und sprengt damit den Rahmen, den man eigentlich herstellen moechte: eine Gespraechssituation, die sich trotz der kurzen Kennlernphase schnellstmoeglich gewoehnlich anfuehlt.

Nach circa dreissig Minuten aber habe ich die scheinbar richtigen Schlagworte genannt und Gerard beginnt sich ebenso wie ich zu entspannen. Er nippt immer wieder an einer vergilbten Kaffeetasse, wiegt sich in seinem Stuhl vor und zurueck und schaut durch seine ueberdimensionierte Brille durch das fast vollstaendig von einer Jalousie verhangene Fenster seines Bueros, um lange zu ueberlegen, was er auf meine Frage antworten kann. Es sind weniger die Fragen, die ihn lange nachdenken lassen, als vielmehr die Tatsache, dass er solch ein Gespraech das letzte Mal vor circa fuenfzehn Jahren gefuert hat. Spaeter verraet er mir, dass sein Ueberlegen eher der Tatsache geschuldet ist, dass er schlicht nicht sehr oft danach gefragt wird, warum er sich als Weisser fuer indianische Kultur und in seinem Fall besonders fuer die Geschichte der Rocky Boy Reservation interessiert. Ich frage nach.

Seit ueber fuenfzehn Jahren ist Gerard Lehrer am College des Reservats – dem Stone Child College. Seine gesamte Lehrerlaufbahn ueber war er an Colleges in Reservaten beschaeftigt – erst bei den Lakota in der Pine Ridge Reservation, spaeter bei den Schwarzfussindianern und Anfang der 90er ist er dann in Rocky Boy gelandet. Seine Ex-Frau ist Indianerin. Nachdem sie dem Alkohol verfiel, kuemmerte er sich allein um die Erziehung der drei Enkelkinder, denn seine Tochter kam bei einem Autounfall ums Leben. Sie war nicht verheiratet. Die Kinder stammen von drei verschiedenen Maennern.

Gerard kam der Liebe wegen mit indianischer Lebensweise in Kontakt. Als die Liebe verloren ging und zudem seine Tochter starb, verband ihn aber weniger die neue Rolle des Ersatzvaters fuer seine drei Enkelkinder mit indianischer Lebensweise, als vielmehr die Erkenntnis, dass er hier etwas gefunden hatte, dass er festhalten musste, um nicht selbst aufgrund der harten Schicksalsschlaege den Boden unter den Fuessen zu verlieren. Das interesse an indianischer Kultur, Philosophie und Geschichte waehrte zwar schon lange aber nachdem die Enkelkinder aus dem Haus waren, begann er sich neben seinem Lehrerberuf intensiv mit indianischer Ideengeschichte und vor allem dem Editieren von Fotos aus der Gruendungszeit der Rocky Boy Reservation zu beschaeftigen. Vielleicht hat er insgeheim nach einem weg gesucht mit dem Schicksal ins Reine zu kommen.

In seinem Computerkabinett sind die Waende mit Ausdrucken alter Fotografien tapeziert. Die Montana State University in Bozeman hat vor einigen Jahren begonnen Archivaufnahmen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu digitalisieren. Gerard versucht nun auf diesen Fotografien auszumachen, wer abgebildet ist, aus welchem Jahr die Fotos stammen koennten, wo in Rocky Boy sie aufgenommen worden und was sonst noch aus den Fotos herauszulesen ist. Gerard sagt selbst, dass ihm dieses Hobby nicht nur viel bedeutet. Er ist der erste weisse Amerikaner, der mir gegenueber andeutet, dass er etwas aufarbeiten, etwas wiedergutmachen will, dass das weisse Amerika an den amerikanischen Ureinwohnern verbrochen hat. Mich wundert, dass sein Lehrertisch am hinteren Ende des Computerkabinetts steht. Ich versuche ihn herauszulocken, frage ihn, ob er es deswegen so eingerichtet hat, damit er einen besseren Ueberblick darueber hat, was auf den einzelnen Bildschirmen vor sich geht. Er nennt das den angenehmen Nebeneffekt von etwas, das seiner Meinung nach zu wenig umgesetzt wird.

In einem Tipi zeigt der Eingang stets nach Osten, die Rueckseite somit nach Westen. Die Tuer zum Computerkabinett zeigt ebenfalls nach Osten. An der Rueckseite des Tipis sass stets das Oberhaupt, die wichtigste und meist respektierteste Person im Tipi. Dort hat Gerard seinen Lehrertisch platziert. Wo seine Kommandozentrale einst stand, direkt neben der Eingangstuer, steht ein kniehoher Hocker auf dem ein kleiner steinerner Schemel trohnt. Gerard sorgt fuer guten Spirit, indem er dort „Sweet Grass“ verbrennt. Er selbst nennt den Computerraum „Learning Lodge“: ein Raum, in dem die konzentrische Einheit von Lebewesen, Gegenstaenden und der Gemeinschaft, die durch die vier Himmelrichtungen zusammengehalten wird, auf das Klassenzimmer uebertragen wird. Fuer Gerard liegt hier die einzige vernuenftige Verknuepfung von traditioneller indianischer Philosophie und den Anforderungen moderner technisierter Gesellschaften: Man darf die eine Welt nicht der anderen ueberstuelpen, sondern man muss versuchen die modernen Artefakte auf die indianische Weltansicht zu beziehen. So koennen Synergien entstehen, die das Alte bewahren, sich aber dem Neuen nicht verschliessen. Gerard hat das versucht in einer Grafik festzuhalten:

Ich sage ihm, dass ich seinen Ansatz fuer richtig halte und frage ihn danach, ob die Schueler diesen Ansatz zu schaetzen wissen. Er weicht aus. Vielleicht nehmen sie es als selbstverstaendlich wahr. Dabei ist er der einzige, der versucht seinen Lehrstoff so rueckzubinden. Er wird nicht muede das zu betonen. Das hinterlaesst dann doch einen faden Beigeschmack. Vielleicht versucht Gerard Vandeberg mit Wurzeln in Luxemburg, Belgien und Deutschland mehr Indianer zu sein, als es indianische Schueler tatsaechlich sind. Vielleicht ist er sozusagen somit paepstlicher als der Papast selbst. Die unbeantwortete Frage ist, ob das jetzt gut oder schlecht ist, ob es positiven Einfluss auf die innere Zerrissenheit indianischer Jugendlicher nimmt oder eher hemmt. Wir tauschen unsere E-Mail-Adressen. Ich buchstabiere im laut meine Blogadresse ins Ohr.

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4 Antworten to “Weisser Indianer I: Gerard Vandeberg”

  1. puvo 08/01/2010 um 15:33 #

    Interessanter Mensch mit einer ziemlich bemerkenswerten Biografie, wie ich finde (auch wenn ich mir den Anfang des Interviews so rein zwischenmenschlich-auftaumäßig wirklich gruselig vorstelle :P).

    Hast Du eine Ahnung, welche Altersgruppe er unterrichtet?
    Ist ja wahrscheinlich kein indianisches Problem, bloß nix von der eigenen Kultur und Geschichte hören oder leben zu wollen.

    Ich sag nur „Dialekt“ und „Volksfest“ und so – auch wenn hier natürlich der spirituelle Unterbau nicht wirklich mit vermittelt wird (vorhanden ist?!).
    Vielleicht erscheinen einem solche Dinge als außenstehendem immer erhaltenswerter, als die Menschen, die es betrifft. Oder es ist immer eine Generation dazwischen nötig, die nichts von allen Traditionen mehr selbst erleben und erfahren darf und dadurch das Gefühl hat, etwas Essentielles zu vermissen…

    Bemerkenswert auf jeden Fall auch, dass er diese beiden doch sehr gegenläufigen Gebiete auf so sympathische, unspektakuläre Art verbindet: Sweet Grass im Computerkabinett. Echt toll. 🙂
    Würde bei uns vermutlich schon wegen der omnipräsenten Sprinkleranlagen und kleinlichen Infolehrer nicht funktionieren. Weihrauch im Gehäuselüfter?! Sakrileg!

  2. tracktate 08/01/2010 um 17:00 #

    Oh ja irgendwie „gruselig“, wobei vielleicht nicht gruselig, eher etwas unterkuehlt mit stetigem Waermezuwachs 🙂

    Da er an einem College in einem Reservat unterrichtet sind die Schueler keiner bestimmten Altersgruppe zuzurechnen. Ich hab 18-jaehrige Maedchen ebenso wie 40 Jahre alte Maenner gesehen. Manche entscheiden sich erst spaet fuer das Druecken der Schulbank.

    Ich glaube auch, dass das Phaenomen an sich nichts ist, dass sich nur hier finden laesst. Das Singulaere liegt lediglich in dem Umstand des nahezu vollstaendigen Verlusts der Sprache. Sprache ist aber mehr als die Zuweisung eines Begriffs. In ihr ist immer die Ideengeschichte, die Vorstellungswelt und die Weltansicht einer Kultur mitgegeben. Wenn die also stirbt, ist es schwer aus einer anderen Sprache heraus (respektive einer anderen Weltansicht) die Kultur zu schliessen. Fuer viele Artefakte gibt es nur schlechte oder gar keine Uebersetzung, soll heissen: Ist die Sprache erstmal verloren, ist die damit einhergehende Kultur schwerlich zu retten.

    Stichwort Infokabinett: Daran musste ich auch denken – allein eine Raeucherkerze ist ein Unding eigentlich.

  3. puvo 08/02/2010 um 09:03 #

    Ah okay. Aber der Unterricht im Reservat unterscheidet sich doch bestimmt grundlegend von den Lerninhalten „draußen“ oder? Ich meine, gibt es spezielle Fächer zur Vermittlung (und damit ja irgendwie auch Rettung) der Sprache und Kultur?

    Ich stell mir das Reservat schon irgendwie wie eine „Insel“ vor, auf der man gezwungen ist, zu Leben, auf der es aber auch möglich ist, ein paar (kulturelle, spirituelle) Schätze vor dem Vergessen zu bewahren, was anderswo in dieser Form nicht möglich wäre.

    (ich hab glaub ich noch viel Klärungsbedarf in dieser Hinsicht, daher noch ein paar Fragen…)

    Wie ist so ein Reservat organisiert? Also ist es eher eine einzelne Stadt, oder umfasst es ganze Landstriche mit mehreren Ortschaften?

    Dann noch: Der Ursprung der Reservate ist mir klar: Zuweisen von Land, auf dem die Ureinwohner leben „dürfen“.
    Aber wie ist das heute? Fühlen sie sich mit dieser neuen „Heimat“ verwurzelt? Oder ist es eher ein Kompromiss, weil ja nix besseres möglich ist?
    Die jungen scheinen ja so bald es geht dort weg zu wollen…
    und woher kommt diese krasse Armut? Es gibt ja auf der ganzen Welt viele „schwierige“ Regionen. Aber für Indianerreservate scheint die Armut ja ein generelles Problem zu sein, oder?
    (die Parallelen zu bekannten Regionen in Sachsen Anhalt sind grad irgendwie frappierend :/ )

    Und noch eins: Schottet man sich nach außen ab (Stichwort DIY) oder kommt die Abgrenzung eher von außen? Gibt es überhaupt eine spürbare Abgrenzung?

    Oh man, ich hör mal besser auf. Mach Dich auf jeden Fall schonmal auf eine längere Reiseauswertung gefasst, wenn du wieder da bist ;]

  4. tracktate 08/03/2010 um 17:10 #

    ujuijui…das Eingemachte also 🙂 irgendwie dreht sich alles ja genau um die fragen, die du mir hier stellst…der blog kann nur ein fenster sein…das ganze haus baue ich wenn ich zuhause bin 🙂

    der unterricht an sich ist im reservat nicht anders als in der restlichen ?USA – mit dem unterschied das die lehrer die hier unterrichten natuerlich hierher gehen wollen muessen – soll heissen wenn ich die wahl zwischen schule in unteroberammergau und hamburg hab werde ich mich als dynamisch-moderner mensch wahrscheinlich fuer hamburg entscheiden…erst recht wenn ich die wahl zwischen neukoelln und charlottenburg habe…

    es gibt spezielle faecher – man kann natuerlich indianische sprachen oder geschichte und kultur studieren, aber das machen die wenigsten, weil man damit auf dem jobmarkt nicht so viel anfangen kann. daneben gibt es zusatzkurse, die man belegen kann, soll heissen wenn ich informatik studiere, muss ich trotzdem einige kurse besuchen die allgemeinen charakter tragen – englisch, indianische geschichte etc.

    so richtig wie eine insel ist es hier nicht…ich mein 20 Meilen weiter steht der erste Wallmart…es ist eher so, dass die reservate heute eine moeglichkeit bieten unter sich zu sein. das sollte es einfacher machen sprache und kultur zu pflegen, aber diese abschottung funktioniert eben nur von aussen betrachtet, von ihnen finden natuerlich austauschprozesse statt. die kinder haben 100 TV-Programme, X-Box etc – das reservat ist also dahingehend eine insel, dass man unter sich ist aber die moeglichkeit hat sich nach aussen hin zu assimilieren. das reservatleben aber hemmt das in gewisser weise, weil die tradition der moderne im wege steht, so dass viele jugendliche dann doch lieber hier bleiben, keine weiterfuehrende schule ausserhalb besuchen etc… wie du siehst sind das nur gedanken. ich bin selbst noch dabei das alles zu ordnen…aber weiter weiter fragen, denn so bleibt mein giest frisch…umso laenger man sich hier aufhaelt, umso „normaler“ fuehlt es sich naemlich an und so uebersieht man leicht wichtige kernpunkte.

    es gibt so eine art zentralstelle – die agency – und drumherum stehen immer wieder hausersiedlungen von 3 bis 15 Haeuser aber auch ueberall einfach einzelne haeuser…die zentralen stellen (post, „buergermeister amt“ – das tribal government, das college…) sind in der agency….der rest verteilt sich auf die 50km im umkreis…

    die frage der verwurzlung stellt sich nicht so richtig – die cree haben einst halb kanada und weite areale des mittleren westens bevoelkert. rocky boy liegt mittendrin, es gibt hier also „heilige orte“, aber das ist wie wenn man 80millionen deutsche um 98% dezimiert und den rest in 100x 50km Areale steckt und ringsherum afrikanische Einwanderer ansiedelt. 🙂

    die armutfrage…fuehrt zu weit, dem werde ich aber noch einen blogeintrag widmen…denn das ist alles relativ, hat viel mit „modern time“ und „indian time“ und vor allem mit dem unterschiedlichen konzept von individuum und gemeinschaft zu tun…

    so! heute wird tipi gebaut

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