Pow Wow oder was von der Tradition Amerikanischer Ureinwohner uebrig blieb

8 Aug

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Gestern wurde das Pow Wow der Rocky Boy Reservation feierlich eroeffnet. Punkt 19.00 begann der Moderator, den so genannten „Great Entry“ anzukuendigen. Moderator ist vielleicht das falsche Wort, um diesen Boxkampfansager mit Cowboyhut zu beschreiben. Zwischen den Verweisen auf das, was in der Arena passiert, nimmt er sich auch immer wieder die Zeit fuer ein paar schlechte, mit unter schluepfrige Witze, schwaermt vom Hamburgerduft, der von der Ladenstrasse herueberweht oder bittet Besucher ihr Auto umzuparken. Wenn sie kanadische Nummernschilder haben, sollen sie doch gleich heimfahren. Grunzendes Lachen. Man muss sich das wahrscheinlich wie einen schlechten Polenwitz vorstellen.

Dieser Ansage rief nun aber nicht „Heeeeeeeeeeeeeenrrrrryyyyyyyy Maaaaaaaaaaaaaasssssske“, sondern „Greeeeeeaaaaaaaatttttt Eeeeeeeeeeennnnntryyyyyyyyyyyyyyy“. Den grossen Einzug habe ich mir im Vorfeld so vorgestellt: Alle am Pow Wow teilnehmenden Taenzer schreiten in die Arena ein. Sie sind in verschiedene Gruppen unterteilt. Die Gruppen wiederum unterscheiden sich nach Tanzstilen und damit nach den unterschiedlichen traditionellen Kleidern. Geordnet sind die Gruppen nach Alter – soll heissen: Zuerst kommt jemand, den man auf Deutsch salopp Haeuptling nennen wuerde. Im Anschluss daran die Fahnentraeger mit den Wappen der Chippewa, der Cree und der Rocky Boy Reservation. Im Anschluss daran folgen die Altvorderen, dann die „Krieger“, die aelteren Frauen, die hier die „Golden Age“-Generation genannt werden, dann die Jugendlichen – erst die Jungs, dann die Maedchen. Zum Schluss ziehen dann die Kleinsten in die Arena ein. Es kam aber alles ganz anders. Ich kann nicht mal sagen, dass es vielleicht frueher, vor der aggressiven Assimilationspolitik der Amerikanischen Regierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts, so gewesen sein koennte. Denn damals gab es Pow Wows, wie sie heute ueberall in den USA stattfinden, nicht. Bevor ich an dieser Stelle davon berichten moechte, wie so ein Pow Wow im Jahr 2010 eroeffnet wird, moechte ich eine kurze schlaglichtartige Einfuehrung in die Geschichte der Pow Wows geben, um den Zusammenhang im Folgenden besser darstellen zu koennen.

Das was heute unter „Pow Wow“ fungiert geht wie so vieles, was mir waehrend meiner Recherchen begegnete, auf Uebersetzungs-, Betonungs- oder Aussprachefehler im Erstkontakt mit Weissen zurueck. Als Weisse auf Angehoerige der Algonkin-Sprachgruppe trafen, betonten sie den indianischen Begriff fuer eine Zusammenkunft von Medizinmaennern und Aeltestenraeten falsch. Der Begriff „Pow Wow“ war damit in der Welt und verbreitete sich unter weissen Siedlern rasant als Synonym fuer jedwedes groesseres Zusammenkommen Amerikanischer Ureinwohner. Damit wurden nicht nur Ernte-, Jagd- und Hochzeitsfeierlichkeiten ueber einen Kamm gescheert, sondern letztlich auch etwas konstruiert, was es in der Form „traditionell“ gar nicht gab.

 
Bis in die 1920er Jahre waren saemtliche feierlichen Zusammenkuenfte von Indianern per Gesetz verboten. Schulpflichtige Kinder wurden zwangsweise den Elternhaeusern entrissen und in Schulen ausserhalb der Reservate unterrichtet. Dort war es verboten indianische Sprachen zu sprechen. Wurde man dabei erwischt, gab es was mit dem Rohrstock. Die Folge war ein dramatischer Verlust an indianischer Identitaet, Kultur und Tradition. Die moderne Erfolgsgeschichte der Pow Wows beginnt nach dem 2. Weltkrieg. Viele Native Americans kamen als Kriegshelden und Veteranen zurueck, was dazu fuehrte, dass „die Eingeborenenpolitik“ moderater wurde. Groessere Zusammenkuenfte Amerikanischer Ureinwohner wurden geduldet und spaeter auch per Gesetz wieder erlaubt. Seit den 1870er Jahren, in denen die letzten grossen Schlachten zwischen Regierungstruppen und Indianern, die sich gegen die Reservatseinweisung auflehnten, stattfanden, waren aber rund 7o Jahre vergangen. Eine ganze Generation lag zwischen denen die 1876 in die Schlacht am Litte Bighorn River zogen und denen, die sich vor allem im Zuge der Buergerrechtsbewegung der 1960er Jahre fuer eine Renaissance der indianischen Kultur einsetzten.
 
 
So entstand etwas, dass ich eine „gap of cultural identity“ nennen moechte. Die Luecke kultureller Identitaet, die durch die rabiate und erfolgreiche Assimilationspolitik der US-Regierung geschaffen wurde, wurde nun versucht aufzufuellen. Die indianischen Kulturen Nordamerikas waren aber allesamt orale Kulturen. Es gab keinerlei Schrift und damit auch keine Druckerzeugnisse, die als Grundlage fuer eine indianische Renaissance haetten herhalten koennen. Pow Wows wurden damit zu dem, was sie heute sind: Angehoerige verschiedenster Indianervoelker finden sich zusammen, um auf den Ruinen ihrer eigenen Kultur zu tanzen. Durchaus im woertlichen Sinne. So kann man argumentieren, wenn man das ganze etwas pessimistisch betrachtet. Positiv durchleuchtet sind Pow Wows eine Moeglichkeit gegen das Vergessen indianischer Taenze und Lieder anzukaempfen. Daneben dienen sie dem Informationsaustausch und Wiedersehen mit Freunden und Bekannten. Nur bleibt, wenn man postive und negative Interpretationsfolien gegeneinander abwaegt trotzdem die Frage im Raum, inwieweit ein modernes Pow Wow wirklich an ehemals praktizierte indianische Traditionen anknuepft. Dieser Frage moechte ich hier nachgehen. Deswegen zurueck zu dem Ansager, der aus den schwarzen Lautsprechern durch die Arena schallt und Jahrmarktathmosphaere versprueht. 
 

Wie oben angedeutet, war der Einzug der Taenzer anders gestaffelt, als ich mir das vorgestellt hatte. „Der Haeuptling“ schritt voran. Insoweit lag ich richtig. Darauf folgten zwoelf Maenner und Frauen in Uniformen der US-Army und US-Navy. Sie trugen die Flaggern der USA, Montana, Rocky Boy und der Chippewa-Cree. Flankiert wurden diese von vier aelteren Semestern, die sich in Kriegen in Vietnam, Korea und dem Irak, um die amerikanische Freiheit verdient gemacht haben unter anderem auch Allen Gardipee). Erst jetzt folgten die Taenzer in oben beschriebener Reihenfolge. Als alle Taenzer die Arena erreicht hatten, durften zahlreiche Offizielle vom Buergermeister bis zu Mitgliedern der Reservatsregierung ein paar Worte zu Ehren der anwesenden Soldaten loswerden. Einige der Soldaten kommen aus Rocky Boy. Wiederum zwei davon sind erst kurz zuvor aus Afghanistan zurueckgekehrt und werden im Rahmen der feierlichen Eroeffnung des Pow Wows mit einer Ehrenmedaillie der Chippewa-Cree ausgezeichnet. Aus den Lautsprechern erschallen die Begriffe „hero“ und „warrior“. „Warrior“, der Krieger also, wird damit fuer die US-Amerikanischen Soldaten ebenso verwendet, wie fuer die jungen Maenner, die in den Kategorien „Northern Traditional“, „Southern Straight“ und „Grass“ im Tanzwettbewerb gegeneinander antreten. Ein indianischer Krieger ist 2010 ein amerikanischer Soldat. Die Assimilierung war erfolgreich.

Vor dem Hintergrund der Geschichte der Beziehungen zwischen europaeischen Einwanderen und Indianern leuchten ueber meinem Kopf eine Vielzahl von Fragezeichen auf. Aber nur wenn man eben die „gap of cultural identity“ nicht in ihrer Gaenze als Betrachtungsfolie verwendet. Die „Krieger“ fuer eine indianische Selbstbestimmung sind fast vollends ausgerottet worden. Ihre Kinder und Kindeskinder waren die Opfer jener rigorosen Assimilationspolitik von der ich oben sprach. Das spezifisch Indianische wurde so auf ein Minimum reduziert. Die Kinder dieser Generation wiederum konnten in den meisten Faellen von ihren Eltern die Sprache ihrer Vorfahren nur noch bruchstueckhaft erhaschen. Das Wissen ueber indianische Kultur, Lebensweise und Spiritualitaet, das bis dahin seit Jahrhunderten von Generation zu Generation, in Erzaehlungen verdichtet, weitergetragen wurde, konnte gleichsam nicht mehr transferiert werden. Mit dem Verlust der Sprache starb in weiten Teilen eine ganze Kultur. Wenn demnach heute ein Pow Wow in gleichwelchem Reservat der USA stattfindet, wenn dort zunaechst amerikanische Soldaten und Veteranen in die Tanzarenen einziehen, so ist das weniger befremdlich als vielmehr folgerichtig. Auch Indianer sind Amerikaner. Was hier zunaechst trivial anmutet, ist in seiner Bedeutung nicht zu unterschaetzen.

Man kann durch eine romantisierende Karl-May-Brille auf das letzte Insignium nordamerikanischer Indianerkultur schauen: Alles leuchtet bunt, die traditionellen Kleider der Taenzerinnen und Tanzer sind atemberaubend schoen und in ihrer Filigranitaet und Kunstfertigkeit schwer zu ueberbieten. Einige Taenze druecken auch den Anmut, den Stolz und die Erhabenheit dieser indianischen Kultur aus. Sie ziehen einen in ihren Bann, begleitet durch das stoische Spiel der Trommeln und dem mantraartigen Gesang der Saengerinnen und Saenger. Aber da ist eben auch der Stand der „Pro Life“-Bewegung gleich neben der Arena. Dort werden T-Shirts mit dem Aufdruck „I am loved by Jesus“ kostenlos an Kinder verteilt. Da ist auch die Tanzkategorie „Fancy“, die weder auf indianischer Tradition noch auf einer Neuinterpretation beruht, sondern in den Wild West Shows von Buffalo Bill Cody Ende des 19. Jahrhunderts erfunden wurde, um das weisse Publikum nicht mit den von einem gleichfoermigen Trommelrhythmus getragenen langsamen traditionellen indianischen Taenzen zu langweilen. Amusement! Action! America! Der „Fancy“-Tanzwettbewerb ist heute einer der Hoehepunkte eines jeden Pow Wows.

Trommel- und Gesangsgruppe
Ausschnitt aus einem der Lieder, die zu den Taenzen gespielt werden:

Mein Blick veraendert sich in diesen 60 Minuten „Great Entry“. Hier feiern nicht die Amerikanischen Ureinwohner ihre Kultur, Lebensweise und Spiritualitaet, sondern hier feiert eine Gruppe des bunten Kulturteppichs namens Amerika ein Volksfest mit Musik, Tanz und Budenzauber. Eine Identitaet ausserhalb einer us-amerikanischen Selbstverstaendnissen existiert schlicht nicht. Man ist eben nicht (wie zumindest die Titulierung vermuten laesst) wie in Kanada „First Nations“, sondern man ist „Native American“. Vor dem „American“ ist jeder „American“ aber irgendetwas: Naemlich der Nachfahre italienischer Grosseltern, mexikanischer Gastarbeiter oder afrikanischer Sklaven. Man ist ein bisschen anders als die anderen, aber das geht den anderen ja auch so. So funktioniert Amerika.

 

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2 Antworten to “Pow Wow oder was von der Tradition Amerikanischer Ureinwohner uebrig blieb”

  1. Robert Bauer 08/08/2010 um 19:45 #

    Guten Tag ,
    warum werden diese Menschen bis heute nicht gleichgestellt ?
    Weshalb Reservate ?

    • tracktate 08/08/2010 um 21:15 #

      Hallo Robert,

      Gleichstellung? Verstehe nicht ganz was du meinst. Es ist ja nicht so, dass die Indianer nicht wie alle anderen in den USA lebenden Gruppen us-amerikanische Staatsbuerger sind. Insoweit existiert eine formale Gleichstellung. Was ich in meinem Eintrag zum ausdruck bringen wollte, ist lediglich meine Verwunderung darueber, dass ide Amerikanischen Ureinwohner heute sich eher als Amerikaner betrachten als denn als Indianer. Inwieweit sich dann einzelne Gruppen generell und damit auch die Indianer in den USA als Teil einer Nation sehen, ist so letztlich die Frage. Meines Erachtens haben sich die Indianer, die mir begegnet sind, mit ihrer Geschichte arrangiert: Soll heissen in erster Linie sind sie Amerikaner. Ihren Hintergrund beschreiben sie dann als „native“ oder „indian“. Die Frage danach, welche Rolle das im Alltag spielt, knuepft in gewisser Hinsicht an deine zweite Frage an: die Reservate machen es vor diesem Hintergrund einfacher ein Minimum an indianischer Tradition und Lebensweise und vor allem Autonomie in bestimmten Fragen zu wahren. Man koennte auch frech behaupten die Reservate machen das Leben bequemer.

      In vielen Reservaten werden keine Steuern erhoben. Land, um sich zum Beispiel ein Haus zu bauen, muss man nicht kaufen, sondern bekommt es als Mitglied einer Ethnie von der Verwaltung des Reservats gegen einen geringen Betrag uebertragen. Die Schulen, die Polizei und andere oeffentliche Einrichtungen obliegen ebenfalls indianischer Verwaltung. So ist es etwa moeglich Kurse an Schulen anzubieten die speziell auf indianische Schulkinder zugeschnitten sind (Sprache, Kultur, Handarbeit). Vor allem aber kann man so als Gemeinschaft auf die Herausforderungen der Moderne reagieren – insbesondere auf die schlechten oekonomischen Bedingungen. Das Land, das den einzelnen indianischen Voelkern zugewiesen wurde, ist jetzt nicht das, was man gemeinhin als ressourcenreiche und infrastrukturell guenstig gelegene Arreale bezeichnen wuerde.

      Urspruenglich wurden Reservate eingerichtet um (negativ) die Indianer loszuwerden, sie von ihrem Land zu vertreiben und an einem Ort versammelt zu wissen. Man koennte auch sagen (positiv) sie wurden geschaffen, um den Indianern selbstverwaltet ein Minimum an indianischer Lebensweise zu garantieren. Wie gesagt: Heute sind die Reservate meiner Ansicht nach Zufluchtsort vor gesellschaftlicher Marginalisierung einerseits, und Ghetto andererseits.

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