Ich packe einen Koffer…

24 Aug

Flattr this

Vielmehr sind es eine 45 Liter fassende Kraxe, eine ueberdimensionierte Reisetasche und ein schwerer Tagesrucksack mit den wichtigen Dingen. Ihr wisst schon: im Tagesrucksack sind die Dinge des taeglichen Bedarfs eines Reisenden, zumal eines Reisenden, der sich daran macht ein Flugzeug zu besteigen: der Ordner mit den Versicherungszetteln, dem Ticketausdruck und den Kreditkartenbelegen. Ausserdem das Reisetagebuch, das Netbook und eine kleine Auswahl an Hygieneartikeln, um bei Ankunft am Flughafen die Beisserchen auf Vordermann bringen und eine Trockendusche unter dem Arm vornehmen zu koennen. Daneben findet sich auch die Reiseliteratur.

Copy by Enzyklopaedie Schweiz

Bei mir scheint auf der Auswahl der Reiseliteratur seit jeher ein Fluch zu liegen. Dabei versuche ich durchaus objektive Entscheidungen zu treffen. Schon einige Wochen vor Antritt der Reise ueberlege ich mir genau, welche Buecher mich begleiten sollen. Dieses Abwaegen, Ueberlegen und Hin- und Hergerissen sein, kann man dann verfluchen, wenn die Reisevorbereitungen nur noch um diesen Aspekt zu kreisen drohen. Aber die Auswahl an Buechern, die es in das Reisegepaeck schaffen, muss allerlei Kriterien genuegen. Hinsichtlich Gewicht, Umfang und Thematik muss die auserwaehlte Literatur zur Reise passen. Was auch immer „passen“ genau bedeutet. Das Buch darf nicht zu schwer sein, wenn man den Rucksack oft tragen muss. Es darf nicht zu dick sein, denn es soll einen auch dann zum Lesen einladen, wenn man nur kurz im Bus, in der Bahn oder vor dem Einschlafen ein wenig Zerstreuung sucht. Nicht zuletzt ist die Thematik von entscheidender Bedeutung: Soll das Buch die Reise eher ergaenzen, soll es einen gaenzlich anderen Inhalt haben oder soll es leicht und vergaenglich, ja unterhaltend sein? Soll es wissenschaftlich intendiert oder doch eher fiktional angelegt sein? Fragen ueber Fragen, die mich stets aufs Neue vor einer Reise umtreiben.

Wie bei allen Weltenbummlereien davor wurde der Buecherhaufen schon zwei Wochen vor Reiseantritt aufgetuermt. Er wuchs an und wurde wieder kleiner. Buecher wurden ausgetauscht und wieder andere, die eigentlich schon wieder ihren rechten Platz im Regal eingenommen hatten, zurueck auf den Buecherturm befoerdert. Es gibt durchaus Unterschiede in der Einschaetzung hinsichtlich der oben genannten drei Kriterien. Manchmal entscheidet die Tagesform: an dem einen Tag scheint ein Buch mit Biographien von herausragenden indianischen Persoenlichkeiten (allerdings als Hardcover = Minuspunkt hinsichtlich Gewicht) unbedingt notwendig. Am naechsten Tag wandert das Buch zurueck ins Regal und wird von einer Erzaehlung von Erich Kaestner (Pluspunkte: Taschenbuch, wollte ich schon ewig mal lesen, zieht mich in eine voellig andere Welt, als die mich umgebende) ersetzt. Es ist ein schwerliches Gebahren, das sich bis zum Tag der Abreise hinzuziehen pflegt. Und dann? Ja dann weicht alles Hadern und Hin- und Herueberlegen der letzten Wochen einer beherzten Momententscheidung, die nicht zuletzt von einer Muedigkeit ueber das eigene Zaudern motiviert ist.

Warum ich all das hier so ausfuehrlich beschreibe? Weil ich mich heute frage, was ich mit nach Hause bringe. Diese Frage setzt sich gewissermassen aus zwei Fragen zusammen: Einerseits bin ich auf der Suche nach der Antwort auf die Frage an sich, die jedem heimkehrenden Reisenden gestellt wird: Wie war’s? Was hast du erlebt? Eine Frage nach dem „Was“ also. Andererseits stelle ich mir die Frage nach dem „Wie“: Wie kann ich der Frage nach dem „Was“ begegnen?

Wenn man nach zwei Wochen Muessiggang am Strand zurueckkehrt, wird man ohne sich durch sie selbst missbilligt zu fuehlen, auf die Frage „Wie war’s?“ unumwunden zu antworten wissen. Wenn man vier Wochen auf den Spuren der Amerikanischen Ureinwohner gewandelt ist, faellt das schon schwerer. Es ist gar ein Ding der Unmoeglichkeit. „Es war schoen. Ich habe viele Erfahrungen gemacht und tolle, interessante ja verzaubernde Menschen getroffen.“ Fuer eine Postkarte ist das eine adaequate Zusammenfassung. A: „Hier sind die Fotos. Bunte Kostueme, was?“ B:  „Mensch das sieht ja exotisch aus.“ A: „Ja, war es auch in gewisser Hinsicht.“ B: „Toll… Was machen wir heute Abend?“

Was bringe ich also mit? Was packe ich in meinen Koffer? Werden die Fremderfahrung, der einzigartige Geruch, der eigentuemliche Tagesrhythmus und die charmanten alltagskulturellen Erscheinungen im Indianerreservat als Randbemerkungen in die Geschichten eingehen, die spaetestens nach einer Woche einem erprobten Muster und einem Spannungsbogen folgen werden? Sind diese verdichteten Geschichten ein wahrhaftiges Abbild der Geschehnisse, oder sind sie vielmehr etwas, das ich konstruiere? Ich tendiere zur Konstruktion. Dieselbe folgt naemlich weniger den Zwischentoenen und Fragen, die etwas Erlebtes in mir hinterlassen haben, als vielmehr einer Dramaturgie, die den Fokus auf die Fragen des Gegenuebers legt. Die Schilderungen folgen dabei einem roten Faden, der sich nicht an meinen Fragen, meinem Aufgeruettelt- und Aufgewuehltsein orientiert, sondern eher dem Interesse des Gespraechspartners. Meine Sprache, mein Erklaeren und Beschreiben versucht einem fremden Anspruch zu genuegen. Kurzum: Der Reisende selbst stilisiert sich damit zum Opfer seiner eigenen Erfahrungen und Erlebnisse. Aufgrund der kulturellen Differenz zwischen dem  „Zuhause“ und dem fremdkulturellen Reiseziel vermag die eigene Sprache das Erlebte in der fremden Lebenswelt nicht zu vermitteln. Der Sprache fehlt oft einfach der Ausdruck, die Faerbung und die Idee von etwas, was in der fremden Umgebung eine Selbstverstaendlichkeit darstellte.

Man greift also besser das Nachvollziehbare heraus, das was man ohne grosse Umschweife auszudruecken vermag und versucht so im Gespraech Identitaet zu stiften. Man baut gleichsam Bruecken fuer sein Gegenueber – er soll ja verstehen. Das funktioniert am ehesten, wenn er sich in den Schilderungen spiegeln kann. Wenn er ein stueckweit sich selbst, seine Erlebnisse und Erfahrungen in den Fremderfahrungen entdecken kann. Die kulturelle Kluft zwischen dem Hier und dem Dort scheint dann nicht mehr unueberwindbar, ja unbeschreibbar. Vielmehr entsteht etwas Neues auf Kosten der Einmaligkeit des Erlebten. Dieses Neue stellt so lediglich ein Konsiderat dar. Es ist das, was entsteht, wenn man schwarze und weisse Farbe mischt: grau. Aber diese Farbe Grau ist nicht definiert. Hell- und Dunkelgrau sind nur zwei Schattierungen aus einer ganzen Palette von Grautoenen. Das Gespraech ueber „Grau“ ist demnach der Kompromiss: Wenn man schon nicht zum Ausdruck bringen kann, wie einmalig „Weiss“ oder „Schwarz“ ausgesehen haben, dann kommt man sich eben entgegen, man formt ein wenig an der Erinnerung und heraus kommt „Grau“. Eine „Sprachfarbe“, die jeder versteht.

Kann man dieses relativ eindimensionale Grau also vermeiden? Kann man etwas Erlebtes wahrhaftig nachempfindbar machen? Ein wahrhaftiges Nachempfinden, kann einerseits nur dann entstehen, wenn der Berichtende eine Sprache findet, die den Zuhoerer abholt bei seinem eigenen Wissen von etwas. Andererseits muss er eine Form finden, die das Potential hat, die Grenzen des Vorstellbaren auf Grundlage eben dieses Wissens zu sprengen. Das Beschriebene selbst, muss fuer den Zuhoerer zum Erlebten werden. Es darf nicht dort Halt machen, wo das Gegenueber keine Moeglichkeit der Bebilderung hat, wo es jedweder auf eigenen Erfahrungen beruhendem Wissen ermangelt. Das Berichten darf keinen Kompromiss eingehen: Wenn man jemandem „Schwarz“ erklaeren will, darf man nicht bei „Grau“ aufgeben.

der heisse Brei

Jeder kennt das Gefuehl etwas Erlebtes in einem Gespraech „zurueck-holen“ zu wollen. Es dem Gegenueber „be-greiflich“ machen zu wollen. „Begreifen“ im Sinne der Wortbedeutung – die Fremderfahrung des Einen soll via Sprache zur Selbsterfahrung des Gespraechspartners werden. Vielleicht ein weniger verschachteltes Beispiel: Wenn man ein Konzert besucht hat, das einen emotional voellig eingenommen hat, faellt es stets schwer, das Erlebte so wiederzugeben, dass das Gegenueber, allein durch die Schilderung des Erlebten, in einen „nach-empfindbaren“ emotionalen Zustand versetzt wird. Ausser: Der Gespraechspartner hat ebenfalls ein Konzert der Band erlebt. So kann er auf eigene Erfahrungen, auf einen eigenen Vorrat an Wissen bezueglich der emotionalen Involviertheit zurueckgreifen. Das „Nachempfindbarmachen“ ohne diesen Bezug ist aber ein Versuch, der scheitern muss. Man geht verloren in standardisierten, gewissermassen vorgeformten Formulierungen, die sprichwoertlich, „um den heissen Brei herumreden“. Wie schafft man es folgerichtig jemandem vom heissen Brei zu erzaehlen, ohne dass dieser weiss, was „Brei“ eigentlich ist? Wie kann es gelingen einen nachhaltigen Eindruck im Gedankenpalast des Gegenuebers zu hinterlassen, der ihm den Duft von heissem Brei in die Nase steigen laesst, ihm eine Idee von seiner Beschaffenheit und Konsistenz gibt und dazu ein Nachempfinden seiner wohligen Waerme ermoeglicht?

Vom heissen Brei zurueck zum berichtenden Reisenden: Der Urlaub am Strand oder eine Reise innerhalb des eigenen kulturellen Kreises stellen keine Huerden dar. Das Gegenueber kann auf eigene Erfahrungen zurueckgreifen. Die Bilder naemlich, die der Geist vor dem inneren Auge des Zuhoerenden aufsteigen laesst, sind nicht nur rueckgebunden an das, was der Reisende schildert, sondern gleichsam an eigene Erlebnisse. „Ich weiss, was du meinst.“, wird in diesen Unterhaltungen zur vortrefflichen Reaktion auf einen Bilderabgleich, mit dem Ziel sich verstanden zu fuehlen.

Was aber, wenn sich das Erlebte des Reisenden nicht rueckbinden laesst an die Erlebnisse, Erfahrungen und Gedankenbilder des Gespraechspartners? Was passiert, wenn der Reisende sich bemueht gegen vorformulierte Stereotypen anzukaempfen, um der „Abgleichfalle“ zu entfliehen? Wie geht der erzaehlende Reisende mit der Tatsache um, dass sich mit jedem Wort, das ueber seine Lippen kommt, die Gewissheit ihre Bahn bricht, dass der Gespraechspartner gewissermassen gerichtet zuhoert? Eine Gerichtetheit, die darauf aus ist, das Gehoerte moeglichst schnell mit seinem Wissensvorrat abzugleichen, um „Bingo“ oder „Ich weiss, was du meinst.“ verlauten zu lassen? Was, wenn es dem Reisenden, als Gefangenem seiner eigenen Sprache, nicht gelingt, ueber das Erlebte so zu berichten, dass er dem Gespraechspartner zuerst, die auf Abgleich ausgerichteten Wissensvorraete dekonstruiert, um sie im Anschluss  – in Form der eigenen Schilderungen – neu zu besetzen?

Was wissen wir in Deutschland ueber Indianer? Was wissen wir ueber Reservate? Was ist der Vorrat an Wissen an dem die Mehrheit partizipiert? Vorlaute Antwort: Karl May, Winnetou und Old Shatterhand, Tipi und Bueffel. Was hat das mit der Realitaet zu tun? Ehrliche Antwort: Nichts. Vielleicht haben einige Dokumentationen ueber die Geschichte der Indianer in den letzten 100 Jahre gesehen. Vielleicht haben einige sogar Filme oder Fernsehbeitraege ueber das Leben in einem Reservat im 21. Jahrhundert gesehen. Moeglich waere auch das einige Buecher gelesen haben zum Thema. Einige sind nicht alle und alle ist die Mehrheit. Das Problem bleibt demzufolge bestehen: Der Reisende schildert. Der Zuhoerende nimmt die Worte auf und sucht wie in einem Memoryspiel nach dem passenden Bild in seinem Gedankenpalast. Er sucht nicht nach zwei neuen Bildern, die er noch nie zovor gesehen hat, sondern lediglich nach dem passendem zu dem, was er bereits sein Eigen nennt. Hat er es gefunden, laesst die Aufmerksamkeit nach. „Alles klar, ich weiss, was du meinst.“

Copyright by Chris Landreth

Was bringe ich also mit in meinem Koffer nach dem Aufenthalt bei den Indianern? Ich sprach eingangs von der Reiseliteratur. Ich habe fuenf Buecher mitgenommen auf diese Reise. Zwei habe ich gelesen, eins lese ich noch, eins hatte ich mitgenommen, um es ein drittes Mal zu lesen, eines stelle ich ungelesen zurueck in mein Regal. Die beiden letztgenannten – Hesses „Steppenwolf“ und Kaestners „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ – bilden damit wohl den Grundstock meines Buecherturms bei dem neuerlichen Hin- und Hertragen von Buechern vor meiner naechsten Reise. Die drei Buecher, die ich hier gelesen habe, bzw. noch lese, haben, so unterschiedlich sie auch sein moegen, eines gemeinsam: Ihre Autoren haben es geschafft mit ihrer Sprache keinen schnoeden Versuch zu unternehmen den Lesenden (respektive den Zuhoerenden) ein einfaches Abbild von etwas zu praesentieren. Sie haben es verstanden mich als Leser durch die Brille ihrer Schilderungen in den Bann einer mir fremden Epoche, einer fremden Welt zu ziehen. Die Memorykarte, die ich gleichsam als eine vorlaeufige Idee vom Gegenstand der Buecher bereits besass, verlor rasant an Wert. Die Sprache der Autoren dekonstruierte mein vermeintliches „Memorykartenwissen“ so weit, dass sich die Karte als nutzloser Versuch herauskristallisierte einen Zugang zum Beschriebenen herzustellen.

Peter Weiss‘ „Abschied von den Eltern“ beschreibt die ersten Lebensjahre eines Kuenstlers, der sich erst freimachen muss von der elterlichen Umklammerung, den politischen Verhaeltnissen seiner Zeit und der lange durchaus beliebigen Suche nach einer Ausdrucksform. Es sind viele autobiographische Buecher von Autoren geschrieben worden, deren Lebensweg durch die Zeit des Nationalsozialismus gepraegt wurde. Die Erfahrung des Exils, der Heimatlosigkeit und des nicht wissen wohin ist vielen gemein. Peter Weiss gelingt es – wenn auch, wie aus dem Kommentar der Editoren hervor geht, seine Lebensgeschichte auf praegnante Punkte hin geschoent ist – ein „Nachempfinden“ all dieser Erfahrungen zu ermoeglichen. Seine Sprache ist metaphorisch ohne verbluemt zu sein und vielleicht bringe ich dank dieses Buches die nachdrueckliche Gewissheit mit, dass eine Fremderfahrung sprachlich am „nachempfindbarsten“ durch Vergleiche, Metaphern und Bilder zu transportieren ist.

Michael Ondaatje’s „Buddy Bolden Blues“ nahm mich mit in den Sueden der USA, in eine Zeit, in der der Jazz geboren wurde. Buddy Bolden kennt heute nicht wirklich mehr jemand, aber viele alte Jazzhasen erinnern sich trotzdem an ihn. Es gibt keine Aufnahmen, wenige Fotos. Aber es gibt die Legende von diesem Mann, der lauter, akzentuierter und wilder spielte als alle anderen seiner Zeit. Ondaatje hat auf Grundlage von Archivrecherchen und Interviews die Lebensgeschichte dieses Bolden zu fassen versucht. Ein eigentlich unmoegliches Vorhaben: Die Schilderung einer Biographie und einer Zeit auf Grundlage von Erzaehlungen Einzelner und spaerlichem Archivmaterial. Wie soll man da ein wahrhaftiges Abbild schaffen? Ondaatje gelingt das Unmoegliche: Die Luecken ersetzt er durch Fiktion. Das ist dann zwar erfunden und somit nicht mehr im woertlichen Sinne authentisch, begruendet aber den verzaubenden Effekt des Buches: Man ist vor Ort, man steht im Club und sieht Bolden spielen, man hoert die Musik, von der es keine Aufnahmen gibt. All das schafft der Autor allein durch den Klang seiner Worte. Er erfindet Dinge, die sich so zugetragen haben koennten. Nicht weil er eine Geschichte groesser machen will, als sie tatsaechlich ist. Nein, es geht ihm um die Fiktion als Mittel des Hineinziehens in die Zusammenhaenge. Dort wo das recherchierte Material eine tote Sprache spricht, hilft er nach. So wird er zum Geburtshelfer einer unmittelbaren Erfahrung: Der Leser hoert Bolden spielen. Ich bringe also dank dieses Buches, die Gewissheit mit, dass Fiktion ein Mittel sein kann, um Authentizitaet herzustellen.

Das dritte Buch ist „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann. Das Buch wanderte gefuehlte fuenf Mal auf den Reiseliteraturstapel und wieder zurueck ins Regal. Es ist zwar kein Paperback, aber eben ein Roman von Thomas Mann und da ist man mit 413 Seiten noch gut bediehnt. Klarer Minuspunkt also hinsichtlich des Gewichts. Ich bin noch dabei es zu lesen, von daher behalte ich mich eines abschliessenden Urteils vor. Was ich dank Mann und seinem Krull mitbringe, weiss ich aber bereits: Mann koennte die eigentliche Handlung in wenigen Saetzen beschreiben. Mann schreibt trotzdem 100 Seiten ueber etwas. Warum? Weil man den Klang seiner Worte, das wohlueberlegte Anordnen und Formulieren eines jeden Satzes benoetigt, um als Leser alles um sich herum zu vergessen, um sich dem Moment hinzugeben. Ich bringe dank dieses Buches also die Gewissheit mit, dass „Nachempfindbarkeit“ vor allem durch die Beschreibung der Umgebung, des Rahmens von etwas, der aeusseren Umstaende –  ja der vermeintlichen Nebensaechlichkeiten erreicht werden kann.

Pow Wow Rocky Boy 2010 copyright by Philipp Seitz

Ich habe noch eine Stunde Zeit, bevor ich durch den Zoll Richtung Flugzeug schreiten werde. Ich habe den Koffer gepackt und bereits aufgegeben. Was ich mitbringe, liegt zwar noch nicht klar vor mir, so bin ich mir aber doch meines Anspruches und der Form desselben bewusst geworden: Ich moechte versuchen meine Zeit bei den Chippewa-Cree-Indianern im Norden Montanas in eine Sprache zu giessen, die mit dem Wissensvorrat meiner Zuhoerer und Leser aufraeumt, ihn dekonstruiert und damit ein nachempfindbares Erleben erschafft – ganz ohne Winnetou, Wildem Westen und Bildern von tanzenden Indianern. Ich moechte auf die Frage „Wie war’s?“ die Antwort verweigern. Ich moechte kein „Ich weiss, was du meinst.“ provozieren, das mir das Gefuehl gaebe, nur das Sprungbrett fuer den Erfahrungs- und Erlebnisabgleich des Zuhoerenden zu sein. Ich moechte darueber hinaus den Versuch unternehmen etwas Fremdes nicht als „fremd“ zu skizzieren. Ich moechte versuchen mit Hilfe der oben genannten Mittel meine Leser und Zuhoerer auf eine Reise mitzunehmen, ohne dass sie ihr „Zuhause“ verlassen muessen. Ich moechte versuchen Nachempfindbarkeit herzustellen.

Vielleicht ist das, trotz der Souvenirs und Andenken, der Buecher ueber Indianer und all der anderen Kleinigkeiten, die ich mitbringe, das groesste und schwerste Mitbringsel: Die Buerde, selbstauferlegt, diesem Anspruch gerecht zu werden. An dieser Stelle hoffe ich insgeheim, dass jemand sagt: „Ich weiss, was du meinst.“

 
Flattr this

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: