Grenzgehen – Wandern auf dem Grünen Band Teil 1

6 Jul

Die Harzer Schmalspurbahn ist ein Erlebnis. Nicht nur Bahnromantiker kommen auf ihre Kosten, wenn sich die Dampflok auf der Fahrt von Wernigerode auf den Brocken schnaufend den Berg hinauf arbeitet. Es ist Montagmorgen. Wir sind um gegen halb sechs Uhr morgens in Leipzig in den Zug nach Wernigerode gestiegen. Bereits um 09:00 Uhr sitzen wir im vierten Waggon hinter der Dampflok und rätseln, ob die Nebelschwaden um uns herum vom feucht-trüben Wetter stammen oder die Dampfmaschine bereits auf Temperaturen kommt. Es ist zwar albern, aber bei allem, was ich bis hierhin über das Grüne Band gelesen habe, fühle ich mich wie ein Pionier auf dem Weg in ein unwegsames Abenteuer. Es mag an der Eisenbahnromantik liegen, zudem bringt uns der Dampfzug gen Westen, aber Pioniergeist hat noch niemandem geschadet. Die Euphorie hält aber nur so lange bis eine Gruppe schwäbischer Rentner den vierten Waggon entert und mir den letzten Nerv raubt. So ähnlich müssen sich die wahrhaftigen Pioniere Amerikas gefühlt haben auf ihrem Weg nach Westen, wenn sich ihrem Track auf einmal religiöse Splittergruppen anschlossen auf der ihrigen Suche nach Heil. Die wussten vielleicht auch alles besser und sind schon überall gewesen. Sicher ist aber immerhin, dass die Rentner nur zum Feuersteintrinken auf den Brocken fahren.

Als wir aussteigen, denke ich kurz darüber nach, ob nicht auch wir nur Schnaps trinken sollten. Das Wetter ist schlicht beschissen. Es regnet. Dazu ist es kalt und windig. Wir ärgern uns, keine Handschuhe eingepackt zu haben. Aber wir wollen keinen Schnaps. Wir wollen auf den „Track“, wie wir den Kolonnenweg nennen und der führt glücklicherweise vom Brocken hinunter. Nach 3,5km haben wir ihn dann erreicht. Wie ein unwirkliches Niemandsland schneiden sich der Kolonnenweg und das ihn begleitende Band in die Berglandschaft.  Mit jedem Höhenmeter, den wir hinter uns lassen, verziehen sich die Wolken ein bisschen mehr. Es wirkt so, als sei eine Planierraupe mit einer Walze von 100m Breite einmal durch den Wald gefahren und hätte alles platt gemacht – Bäume, Sträucher und Felsen. Schon nach wenigen Kilometern ist man wie gefangen genommen von diesem Weg. Der Blick nach vorn ist immer frei. Zu beiden Seiten liegt Wald, der wild und bedrohlich wirkt. Nur selten kann man Stellen ausmachen, an denen die Fichten in Reih und Glied stehen. Im Todesstreifen gab es nur äußerst selten Forstwirtschaft – und wenn es die gab, wird heute versucht im Sinne einer Renaturierung Buchenwälder zu unterstützen, denn die Fichte ist in den mittleren Höhenlagen des Harzes eigentlich nicht heimisch.

Wiese am Grünen Band

Wir queren das Bodetal. Wir schweigen. Nun passieren wir die ersten verzaubernden Bergwiesen am Kolonnenwegesrand. Blumen in gelb, lila, rosa, rot, blau, weiß und schillernsten Mischtönen. Sind das hier die Alpen? Ganz kurz habe ich einen reflexartigen Gedanken: Ein Glück hat es die Grenze überhaupt gegeben, denn sonst hätte sich dieses natürliche Kleinod so nie und nimmer entfalten können. Den Gedanken verwerfe ich schnell. Wir erreichen den „Ring der Erinnerung“.

Der Landschaftskünstler Herman Prigann erschuf hier in der Nähe von Sorge einen kreisrunden Wall aus totem Holz und alten Betonsäulen des Grenzzaunes. Der ehemalige Todesstreifen führt durch den 70m großen Ring. Prigann hat versucht das Vergängliche und das Werden mit diesem Ring zu symbolisieren. Ob ihm das gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Grenze, der Todesstreifen, das Leid, die „Mauer- und Grenztoten“ – all das fühlt sich gerade hier im Epizentrum des Geschehens, auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze, unwirklich, surreal ja schier unmöglich an. Die Sonne kitzelt durch die Baumwipfel hindurch. Auf den Wiesen summt es allerorten. Das Blumenmeer will kein Ende nehmen und der Wald bildet den wilden, unbezwingbar wirkenden Rahmen dieser Szenerie. Da ist kein Schießbefehl, kein lautes Klappern alter Grenztruppen-LKW auf der Kolonnenstraße und kein Flutlicht-Suchscheinwerfer. Da ist nur nackte Idylle. Da ist nur Werden. Vielleicht ist deswegen Priganns Mahnen an das Vergängliche mit natürlichen Mitteln ein Kunstgriff, weil er das Unsichtbare nicht verkrampft sichtbar zu machen versucht, sondern weil er still, fast heimlich – aber das vehement – mahnt.

Ring der Erinnerung

Nach 25km erreichen wir Hohegeiß. Im Wirtshaus gibt es frische Pfifferlinge. Man sieht, dass Hohegeiß „Westen“ ist. Wir wissen nicht genau warum. Es ist alles ein bisschen aufgeräumter und ein bisschen blasser.

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3 Antworten to “Grenzgehen – Wandern auf dem Grünen Band Teil 1”

  1. frannyink 07/06/2012 um 09:51 #

    Eine wunderbare Ortsbeschreibung!

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  1. Grenzgehen – Wandern auf dem Grünen Band Teil 5 « TRACKtate - 07/10/2012

    […] Unterholz. Nach 500m entdecken wir einen preußischen Grenzstein. Die „Grenze“, die wir suchen, das wissen wir bereits, kann nicht mehr weit sein. Und  tatsächlich: keine fünf Minuten später stehen wir wieder auf […]

  2. leipzig leben – Blogparade. | puvo productions - 01/11/2015

    […] Grenzgehen – Wandern auf dem Grünen Band (5teilige Reisereportage über den Wanderweg entlang des ehemaligen Grenzverlaufs) Grenzweg Teil 1 […]

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