Grenzgehen – Wandern auf dem Grünen Band Teil 2

7 Jul

Grenzstein „Königreich Preußen“

Das nächste Etappenziel ist Walkenried. Von Hohegeiß sind es ca. 16km. Zur Abwechslung führt uns die Route immer mal etwas vom Kolonnenweg ab in den Wald. Mir fällt zum ersten Mal bewusst auf, dass die Grenzen zwischen „Ost“ und „West“ keine willkürlichen Grenzen im weiteren Sinne sind, sondern sie sich an „alten“ Grenzen orientieren. Überall kann man entlang des Grenzwanderwegs die Grenzsteine zwischen dem Königreich Preußen und dem Herzogtum Braunschweig entdecken. Ein wenig verwittert und mit Moos bedeckt wirken sie wie die schrumpeligen Großeltern von DDR-Grenzsteinen und den schwarz-rot-goldenen BRD-Säulen, die man ebenfalls ab und an noch finden kann. Mit dem Wissen darum frage ich mich, wie ich annehmen konnte, es sei nicht so gewesen. Manchmal muss man erst die Antwort finden, um die richtige Frage stellen zu können.

Walkenried ist geradeso noch Niedersachsen. Der Ort strahlt etwas Altehrwürdiges aus. Seit dem frühen 12. Jahrhundert war hier der Zisterzienserorden tätig. Mönche waren im Mittelalter die Pioniere des Fortschritts. Sie etablierten neue Anbaumethoden. Sie erschlossen neue Wirtschaftszweige – im Falle von Walkenried etwa das Berg- und Hüttenwesen sowie die Fischzucht. Und obwohl die Zisterzienser eigentlich dem Leitspruch „ora et labora“ (bete und arbeite) und einem monastischen Lebensideal folgten und damit entgegen einer Kirche standen, die auf Prunk und Pomp machte, mussten sie mit ihrem Reichtum irgendwohin. So bauten sie eine Klosterkirche in Walkenried, die das Ausmaß eines Doms annahm.

Kloster Walkenried von Südwesten. Im Vordergrund der weitläufige Gebäudekomplex der Klausur. Im Hintergrund die Ruine der ehemaligen Klosterkirche.
Luftbild: Schönfelder
Copyright: ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried

Der Missionierung der Region sind solche Statussymbole mit Sicherheit auch eher zuträglich gewesen. Das Eichsfeld ist erzkatholisch. Nicht weit von hier hat Bonifatius im 8. Jahrhundert symbolisch den Grundstein für die Verbreitung des Christentums in Deutschland gelegt. Mit der Axt fällte er die „Donar-Eiche“, ein „germanisches Heiligtum“ und ließ aus dem Holz der Eiche ein Bethaus errichten. Heute sind von der beeindruckenden Klosterkirche in Walkenried Grundmauern und ein Fragment des Chors übrig geblieben – aber allein diese Reste versetzen mich in Staunen. Ebenso imposant sind die „Mönchsteiche“ rings um Walkenried. Als über 100 Mönche im Kloster lebten und man sich noch an die strengen Ordensregeln (etwa hinsichtlich einer fast fleischlosen Ernährung) hielt, war der Bedarf an Fisch groß. Es gibt zwar Bäche in der Region, aber das Wasser versickerte im Boden, der vor allem aus gipshaltigem Gestein besteht. Gips ist bekanntlich wasserlöslich. So entstehen unterirdische Höhlen und erst dort wo die Gipsschicht endet, tritt das Wasser wieder hervor. Die Mönche mussten demzufolge Teiche anlegen, die miteinander verbunden waren, so dass sich die Wasserpegel aus- und angleichen konnten und ein Fließ- und Sickerwassersytem entstand. Wenn man bedenkt, dass die Walkenrieder Mönche über 300 Teiche angelegt haben, wird deutlich, dass sie nicht nur viel Fisch aßen, sondern ihr Kloster wahrhaftig bereits im Mittelalter der Schnittpunkt von religiösem und wirtschaftlichem Leben war und damit die Speerspitze abendländischen Fortschritts bildete.

Mönchsteiche Walkenried


Szenenwechsel: Rings um Walkenried fallen in der Tat die Felsen auf, die aus dem gipshaltigen Gestein bestehen. Sie erinnern an die Karl May Verfilmungen und die Indianerfilme mit Gojko Mitić, die alle im kroatischen Nationalpark „Plitvicer Seen“ gedreht worden. Und schwuppdiwupp sind wir wieder beim Pioniergefühl, das mich zu Beginn der Reise im vierten Waggon hinter der Dampflokomotive ummantelte, denn: Wenn die Felsen um Walkenried aussehen wie jene in „Die Söhne der großen Bärin“, dann sieht es um Walkenried zwar aus wie an den Plitvicer Seen aber gefühlt befindet man sich im Wilden Westen. Hinter jedem Baum könnte ein Bär lauern oder mich ein Indianer erwarten, um mich in sein Tipi einzuladen. Einmal Indianerjunge, immer Indianerjunge. Auch das ist das Grüne Band.

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