„Zwei Sommer lang Indianer“ Journal Folge 1/6: Wie ich mich auf den Weg mache

25 Feb
Vorbemerkung: Am kommenden Samstag, den 2. März 2013 wird eine literarische Reisereportage mit dem Titel „Zwei Sommer lang Indianer“ um 14.00 Uhr auf radio blau (www.radioblau.de) welturaufgeführt. radio blau ist das freie und nichtkommerzielle Lokalradio Leipzigs. Man kann radio blau sowohl auf UKW in Leipzig als auch per Stream in der ganzen Welt hören. Ab Montag, den 25.02.2013 poste ich bis zur Welturaufführung jeden Morgen eine Geschichte aus meiner Zeit bei den Chippewa-Cree hier. So können sich alle Interessierten Schritt für Schritt auf die Reise begeben… Nachfolgend kann man bereits einen Trailer zur literarischen Reisereportage hören:

Wie ich mich auf den Weg mache

Mein Flugzeug landet an einem feucht-heißen Julitag in Chicago. Von hier aus beginnt meine Reise. Es sind noch knapp 2500 Kilometer bis in den Nordwesten, nach Montana in das Rocky Boy Reservat. Ich schaue mir ein wenig die Stadt an und frage mich die gesamte Zeit, wann ich eigentlich die Entscheidung getroffen habe, von Chicago bis nach Montana mit dem Auto zu fahren. Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe mich nicht entschieden. Hätte ich mich entschieden, würde das bedeuten, ich hätte eine Wahl gehabt. Klar, ich hätte mit dem Zug fahren oder fliegen können, das war vielleicht ein Gedanke, aber keine echte Option. Es war irgendwie von vornherein klar. Die Entscheidung hat mich getroffen, bevor ich überhaupt überlegen konnte, ob ich sie hätte treffen wollen.

chicago_3_loop

Der Besuch bei Rob und im Reservat würde mit einer einwöchigen Autofahrt beginnen. Warum? Warum ist das so selbstverständlich für mich? Die Mehrzahl meiner Freunde gab mir zu verstehen, dass sie sich wesentlich schönere Dinge vorstellen kann, als allein mit einem Auto eine Woche lang durch dünnbesiedelte Landstriche zu fahren. Ich nicht. Wenn man reist, wenn man einen fremden Ort wirklich erfahren will, muss man sich ihm schrittweise annähern, um zu verstehen, was ihn von umliegenden Regionen unterscheidet. Man muss sehen, wie sich die Vegetation verändert, wie sich die klimatischen Bedingungen wandeln und die Architektur Kilometer für Kilometer andere Akzente setzt. Vor allem hält man zwischendurch an, um zu rasten, sieht sich vielleicht ein Museum, eine Ausstellung oder ein Denkmal an, macht einen Spaziergang oder flaniert durch eine Stadt am Streckenrand. Dort kann man beobachten, wie sich die Menschen, die Gepflogenheiten, die Sprache, ja die Lebensweisen der Menschen von Ort zu Ort, von Landkreis zu Landkreis, von Bundesstaat zu Bundesstaat und schließlich von Land zu Land verändern. So kann man schrittweise ankommen und förmlich in die neue Umgebung hineingleiten.

Amerika_Karte

Mit der Erfindung der Eisenbahn, später dem Automobil und noch später des Flugzeugs hat sich die Zeit, die man benötigt, um von „A“ nach „B“ zu kommen immer weiter verkürzt. Mehr und mehr ging so das Gefühl für Entfernungen verloren. Von den Pilgerreisen zu Forschungsreisen bis hin zu Urlaubsreisen hat nicht nur eine inhaltliche Neuorientierung stattgefunden, auch eine extreme Beschleunigung mittels immer neuer Fortbewegungsmittel hat sich ihre Bahn gebrochen. Das wiederum hatte mannigfaltige Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen dem Individuum und seiner Umgebung. Ein Wesenszug dieses Entwicklungsprozesses ist der Verlust der Grenzerfahrung. Bei Grenzen denke ich immer daran, dass etwas aufhört und etwas Neues anfängt. Wenn man sich mit dem Flugzeug auf eine Reise begibt, ist die Erfahrbarkeit von Grenzen schlicht nicht mehr möglich. Trotz luftiger Höhe schwebt man im luftleeren, im Wahrnehmungen negierenden Raum. Mit dem Auto oder der Bahn reist man zwar auch nicht gerade gemächlich, aber man kann zumindest seine Aufmerksamkeit auf die Veränderungen um sich herum lenken. Wo sich im Flugzeug hinter beschlagenen Fensterscheiben Wolken im Sonnenlicht und in Dunkelheit abwechseln, fliegen demgegenüber in Auto und Bahn die vielfältigsten Landschaften vorbei. Die Grenzüberschreitungen werden so zwar auch nicht zur körperlichen Erfahrung, weil man nicht zu Fuß, mittels eigens aufgewendeter Kraft, eine Wegstrecke zurücklegt, aber zumindest zu einer ästhetischen, weil man im Vorbeifliegen von Feldern, Flüssen, Städten und Gebirgen den Menschen sowie der Flora und Fauna beim sich Anpassen an die Umweltbedingungen zuschauen kann. Was genau meint aber nun dieser Begriff der Grenze und was kann man im Überwinden derselben erfahren?

Auf dem Weg nach Montana durchquere ich Illinois, Wisconsin, Minnesota, South Dakota und Wyoming. Das sind insgesamt fünf Grenzen, fünf amerikanische Bundesstaaten. Nirgends außer hier, und vielleicht in Afrika, wird die Konstruktion von etwas als Grenze, als Trennung zwischen territorialen Einheiten, so ad absurdum geführt. Eine Grenze, die zwischen vielen Bundesstaaten der USA mit Bleistift und Lineal gezogen wurde, kann vielleicht eine Verwaltungsgrenze sein, aber gewiss keine, an der man innehält, um sich den Übergang in etwas Neues, Anderes zu vergegenwärtigen. Hier hat „Grenze“ also nichts mit Vegetationsveränderungen, sich wandelnden klimatischen Bedingungen und neuen kulturellen Einflusssphären zu tun. Anders als diese künstlichen Grenzen vermögen es allein die natürlichen Grenzen, Übergange zu markieren, die es zu erfahren gilt: Gebirge, Flüsse, Täler, besondere Naturlandschaften. Dieses langsame Annähern, das Überwinden dieser natürlichen Grenzen finde ich bedeutsam. Reisen, betrachtet man es als Prozess der Überwindung solcher Grenzen, definiert sich nicht nur über das Reiseziel, sondern auch durch seinen Weg dahin: Der Weg wird so zum viel besagten Ziel. Das Reisen ist heute jedoch selten Prozess, sondern oft bloßer Zustand. Wir setzen uns oft einfach in ein Flugzeug, heben ab und landen. Wir steigen aus und sind da. In zwei bis fünf Stunden von Berlin nach Sizilien, Griechenland oder Island. Man kommt nicht mehr an, sondern man ist schon da. Mit dem blinkenden Symbol für das Anschnallen im Flugzeug wird eine Ortsveränderung in Angriff genommen, die bei der Landung der Maschine für einen Moment zwangsläufig unwirklich bleiben muss. Die Sinne können sich nicht langsam an die veränderte Umgebung gewöhnen. Berlin ist regnerisch und kalt, windstill und riecht nach Abgasen. Der Flughafen der Billifluglinie im italienischen Nirgendwo geizt nicht mit Sonnenschein, blauem Himmel und einer Brise Meeresluft. Mit einer langsameren Art der Fortbewegung gewöhnen sich Körper und Geist Schritt für Schritt an die veränderten Umweltbedingungen. Man fährt etwa auf dem Weg nach Italien über den Brennerpass, um die Alpen zu überqueren. Vorher hat man sich auf verstopften Autobahnen bis nach Österreich vorgekämpft, das Alpenpanorama am Horizont ausmachen können und dann auf der anderen Seite mit jedem Kilometer bergab die Gipfel kleiner werden sehen. Da waren Sonnenstrahlen, die plötzlich an den Augenlidern kitzelten und warme Luft, die man durch das runtergekurbelte Fenster in das Wageninnere lassen konnte. Da war ein herzlicher Jubel über die ersten Pinien und Palmen am Straßenrand und auch die einschleichende Gewissheit auf dem Weg ans Ziel eine entscheidende Etappe hinter sich gebracht zu haben. In Flugzeugen hingegen besteht die Annäherung an das Reiseziel im Idealfall aus einer kulinarischen Berührung in Plastikverpackungen.

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Ich will mich im wahrsten Sinne des Wortes auf den Weg machen. Ich wäre auch gerne wie die Auswanderer mit einem Schiff in die USA gefahren. Finanziell wie organisatorisch ist das aber leider nicht zu stemmen. Ich will mich aber nun wenigstens von Chicago aus die Zeit nehmen, anzukommen und mich anzunähern. Ich will die natürlichen Grenzen überwinden: über den Mississippi und den Missouri fahren, die Badlands und die Black Hills durchqueren und den Wagen über die schmalen Gebirgspässe der Rocky Mountains steuern. Ich will mich nicht zu den Indianern „beamen“, ich will mich ihnen aus der sie umgebenden amerikanischen Realität heraus annähern.

Am Mississippi halte ich das erste Mal staunend an. Dieser Fluss muss wahrlich ein Hindernis für die ersten Siedler, Pelzjäger und Abenteurer gewesen sein. Ich habe noch nie zuvor einen so breiten Fluss gesehen, der dazu noch solch eine starke Strömung hat. Ich verharre aber nicht lange am Flussufer, auf der nahen Highwaybrücke donnern Autos über den Fluss. Der Mississippi markiert heute nicht mehr den Übergang in eine unbekannte Welt. Er liegt vielmehr mitten in der Zivilisation. Es ist schon spät und ich will noch ein paar Kilometer vorankommen. Ich fahre zurück zum Highway, über die Mississippibrücke und drücke ausversehen den falschen Knopf am Autoradio. Antstatt die eingelegte CD abzuspielen, kündigt mir ein Countryradiosender eine Jimmie Rodgers Nummer an. Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass dieser Rodgers als einer der Gründungsväter des Country gilt. „Na, lass mal hören“, denke ich. Was folgt, zaubert mir ein lautes Lachen ins Gesicht. “Miss the Mississippi and you” heißt das Lied. Rodgers singt und jodelt und an einer Stelle heißt es: “Rolling the wide world over/Always alone and blue/Nothing seems to cheer me, under heaven’s dome/Miss the Mississippi and you”. Das musste ja jetzt sein. Ich fahre alleine Richtung Westen und genau dieser Song läuft gleichsam ausversehen im Radio, während ich über den Mississippi rolle. Mr. Rodgers untermalt somit meinen Erstkontakt mit dem Mississippi und ich spüre etwas, das sich anfühlt wie „Achtung: wichtiger Moment“. Vielleicht kommt mir der Gedanke auch nur, weil Rodgers ihn mit seiner Liebeserklärung an den Fluss provoziert. Wahrscheinlich muss ich auch deswegen so laut lachen.

Wichtiger Moment? Ich denke an die donnernden Lastkraftwagen auf der Brücke, die jedes Bewusstmachen dieses Moments vereiteln und murmle halblaut vor mich hin: „So atemberaubend ist das braune Mississippiwasser auch nicht.“. Im Vorbeifahren bemerke ich, wie die Siedlungen in unmittelbarer Nähe des Interstate-Highways kleiner und seltener werden und sich während der folgenden 150 Kilometern die Landschaft Schritt für Schritt vollends verwandelt. Auch ohne eine weitere schmalzige Äther-Umarmung von Mr. Rodgers weiß ich jetzt erst mein Gefühl von „Achtung: wichtiger Moment“ zu deuten. Die Landschaft jenseits des Mississippi transformiert sich zuerst in Moor- und Marschlandschaften. Darauf folgen kleine Wälder, die sich schon kurz darauf peu à peu im Nichts verlieren. Hier legt die Prärie behutsam ihren gleichmütigen Schleier über die Weite. Grasland so weit das Auge reicht. Keine Metropolen und Ballungszentren liegen bis Montana mehr vor mir. Die nächste wirklich große Stadt ist Seattle an der Ostküste in über 2000 Kilometer Entfernung.

Aus der Mississippilandschaft hat sich etwas Neues herausgeschält. Ich habe mit dem Fluss meine erste natürliche Grenze in Richtung „Grasslands“, wie die sich bis zum Himmel erstreckenden grünen Teppiche in Amerika heißen, passiert. Daher kam die leise Ahnung von einem wichtigen Moment. Ich bin auf dem Weg gen Westen, und wenn der Mythos vom Westen irgendwo entand, dann hier. Zwischen 23:00 Uhr und 00:30 Uhr kommen mir insgesamt elf Autos entgegen. Im Südwestzipfel Minnesotas geht man früh schlafen. Auf einem Parkplatz klettere ich auf die umgeklappte Rücksitzbank des Leihwagens in meinen Schlafsack. Ich bin todmüde. Als Betthupferl gönne ich mir eine 125g-Packung Mandeln mit Limette-Chilli-Geschmack und träume von Reinhard Lakomy, der DDR-Antwort auf Rolf Zuckowski, der mir zum Geburtstag ein Ständchen namens „Ein kleiner Indianerjunge“ bringt. Darin kommen die denkwürdigen Zeilen vor „nicht andauernd Bonbons naschen/auch den Roller selber waschen/das gehört nunmal dazu/wer das kann wird Winnetou“. Nunja, ich muss ja nicht gleich Häuptling werden.

Autofahrt

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Eine Antwort to “„Zwei Sommer lang Indianer“ Journal Folge 1/6: Wie ich mich auf den Weg mache”

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  1. leipzig leben – Blogparade. | puvo productions - 01/11/2015

    […] 2 Sommer lang Indianer (6teiliges Reisejournal zum gleichnamigen Hörfeature seines Besuchs bei den Chippewa-Cree-Indianern im Nordwesten der USA) Indianer Teil 1 […]

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