„Zwei Sommer lang Indianer“ Journal Folge 4/6: Was Informatik mit Sweetgrass zu tun hat

28 Feb
Vorbemerkung: Am kommenden Samstag, den 2. März 2013 wird eine literarische Reisereportage mit dem Titel „Zwei Sommer lang Indianer“ um 14.00 Uhr auf radio blau (www.radioblau.de) welturaufgeführt. radio blau ist das freie und nichtkommerzielle Lokalradio Leipzigs. Man kann radio blau sowohl auf UKW in Leipzig als auch per Stream in der ganzen Welt hören. Ab Montag, den 25.02.2013 poste ich bis zur Welturaufführung jeden Morgen eine Geschichte aus meiner Zeit bei den Chippewa-Cree hier. So können sich alle Interessierten Schritt für Schritt auf die Reise begeben… Nachfolgend kann man bereits einen Trailer zur literarischen Reisereportage hören:

Was Informatik mit Sweetgrass zu tun hat

Robs Mutter öffnet eine Bürotür im College von Rocky Boy. Unvermittelt stellt sie mich einem etwas schludrig aussehenden Mann mit langen fettigen grauen Haaren vor. „Hier Gerard, das ist Philipp. Er interessiert sich auch für Rocky Boy und alle Indianerfragen. Er kommt aus Deutschland. Ihr zwei habt sicher eine Menge zu bereden. Tschüss.“ Da sitzen wir nun. Meine Gastgeberin meint es sehr gut mit mir. Die nächsten zwei Stunden knabbere ich dem grau melierten Kauz, in dessen Büro ich geschoben wurde, am Ohrläppchen. Er trägt ein Hörgerät, scheut direkten Blickkontakt und schaut aus dem verhangenen Fenster seines Büros. Sein eindrucksvoller Bauch schiebt sich zu allen Richtungen an seinen Hosenträgern vorbei. Gerard Vandeberg ist 61 Jahre alt. Das Leben hat ihn das Grummeln gelehrt. Als Informatiklehrer schützt er sich auf diese Art vor sich ständig wiederholenden Fragen, die mit ein wenig Probieren von jedem Schüler selbst beantwortet werden könnten.

Gerard Vandeberg

Gerard Vandeberg

Auch wenn mir vorweg glaubhaft versichert wird, dass die oft bemühte Floskel von der harten Schale und dem weichen Kern in der massigen Gestalt Gerards ihre Entsprechung findet, braucht es mehrere Momente bis wir miteinander warm werden. Als Europäer hat man es Dank des amerikanischen Smalltalks leicht, einen Gesprächsfaden aufzunehmen: erst das Wetter, dann die Familiengeschichte der europäischen Vorfahren und zum Abschluss ein bisschen Flunkerei, ob der Begeisterung über einige amerikanische Eigenarten. Mit Gerard ist es dennoch schwierig, weil er dieses Hörgerät trägt und man auf Tuchfühlung gehen muss, um sich verständlich zu machen. Das widerstrebt jedoch der europäischen Art und Weise. Man hält schließlich erst einmal Abstand, versucht besagten Gesprächsfaden aufzunehmen und sich rückzuversichern, ob man miteinander kann. Wenn man dafür dem Gesprächspartner jedoch fast das Ohrläppchen abbeißen muss, fühlt sich das ungewohnt an und sprengt den Rahmen, den man eigentlich herstellen möchte: eine Gesprächssituation, die sich trotz der kurzen Kennlernphase schnellstmöglich gewohnt anfühlt.

Gerard und ich tasten uns aneinander heran. Nach circa dreißig Minuten sind die richtigen Schlagworte gefallen. Wir reden über das Sprachenproblem im Lehrbetrieb und die mangelnde Bereitschaft der Lehrer, Sprache und Kultur der Chippewa-Cree in ihren Unterricht zu integrieren. Bald entspannt er sich und merkt, dass ich ihm nichts Böses will. Trotzdem bleibt er vorsichtig mit dem, was er sagt. Er nippt immer wieder an einer schmuddligen Kaffeetasse, wiegt sich in seinem Bürostuhl vor und zurück und schaut durch seine überdimensionierte Brille durch das fast vollständig von einer Jalousie verhangene Fenster seines Büros, um lange zu überlegen, was er auf meine Fragen antworten kann. Offensichtlich ist es nicht einfach für einen weißen Mann, zumal als Angestellter eines Reservatscolleges, geraderaus über Missstände zu sprechen. Gerard beteuert, dass es weniger die Fragen sind, die ihn lange nachdenken lassen. Vielmehr meint er, hat er solch ein Gespräch das letzte Mal vor circa fünfzehn Jahren geführt. Später bemerkt er nachdrücklich, dass sein Überlegen eher damit zu tun hat, dass er schlicht nicht sehr oft gefragt wird, warum er sich als Weißer für indianische Kultur und in seinem Fall besonders für die Geschichte der Rocky Boy Reservation interessiert. Da muss er eben selbst erst einmal nachdenken.

Seit fast zwanzig Jahren ist Gerard Mathematik- und Informatiklehrer am Stone Child College in Rocky Boy. Seine gesamte Lehrerlaufbahn über war er an Colleges in anderen Reservaten beschäftigt – erst bei den Lakota in der Pine Ridge Reservation, später bei den Crow- und den Schwarzfußindianern. Anfang der 90er Jahre fand er Arbeit in Rocky Boy. Seine Ex-Frau ist eine Indianerin aus dieser Gegend. Nachdem sie dem Alkohol verfiel, kümmerte er sich allein um die Erziehung der drei Enkelkinder, denn seine Tochter kam bei einem Autounfall ums Leben. Sie war nicht verheiratet. Die Kinder stammen von drei verschiedenen Männern.

Ganz am Anfang steht die Liebe. Wegen ihr kam Gerard überhaupt mit indianischer Lebensweise in Kontakt. Als die Liebe in der Alkoholabhängigkeit seiner Frau ertrank und seine Tochter starb, verband ihn weniger die neue Rolle des Ersatzvaters für seine drei Enkelkinder mit seiner indianischen Familie, als vielmehr die Erkenntnis, dass er hier etwas gefunden hatte, dass er festhalten musste, um nicht selbst aufgrund der harten Schicksalsschläge den Boden unter den Füßen zu verlieren. Alle unterstützten ihn. Er fühlte sich nicht alleingelassen. Man stand zu dem weißen Schwiegersohn, Onkel und Schwager. Gerard hat wenige weiße Freunde. Er ist mit Haut und Haaren indianisiert worden, auch wenn er keine Zöpfe trägt.

Das Interesse an indianischer Kultur, Philosophie und Geschichte währt zwar schon lange, aber nachdem die Enkelkinder aus dem Haus waren, begann er sich neben seinem Lehrerberuf intensiver mit Indianergeschichte im Allgemeinen und der Geschichte Rocky Boys im Besonderen zu beschäftigen. Vor allem das Editieren von Fotos aus der Gründungszeit der Rocky Boy Reservation hat es ihm angetan. Vielleicht hat er insgeheim nach einem Weg gesucht, mit dem Schicksal ins Reine zu kommen, sich abzulenken, auch ohne Ersatzvater- und Ehemannrolle eine Aufgabe in der indianischen Gemeinschaft zu übernehmen. Viele Menschen wären kauziger und wunderlicher, als es Gerard ist, wenn das Leben sie ebenso mit dem Klammerbeutel gepudert hätte. Es ist ganz so, wie mir im Vorhinein versichert wurde: Unter der speckigen, harten Schale steckt ein liebevoller Kern.

In seinem Computerkabinett sind die Wände mit Ausdrucken alter Fotografien tapeziert. Die Montana State University in Bozeman hat vor einigen Jahren begonnen, historische Fotografien aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu digitalisieren. Gerard versucht nun auf diesen Fotografien auszumachen, wer abgebildet ist, aus welchem Jahr die Fotos stammen könnten, wo in Rocky Boy sie aufgenommen worden und was sonst noch aus den Fotos herauszulesen ist. Dafür fragt er herum. Bis vor ein paar Monaten gab es sogar ein Projekt, dass seinen Informatikunterricht mit der digitalen Edition verband. Die Fördergelder liefen aus, aber Gerard macht weiter. Er sagt, dass ihm dieses Hobby nicht nur viel bedeutet. Er ist der erste weiße Amerikaner, der mir gegenüber andeutet, dass er etwas aufarbeiten, etwas wiedergutmachen will. Das weiße Amerika hat an den amerikanischen Ureinwohnern Verbrechen begangen. Gerard fühlt sich mitschuldig. Seine polternde Art und seine beleibte Gestalt bilden sein Schutzschild, denn nicht alle Indianer und Kollegen brechen ob seines Engagements in Jubel aus. In der Reservatschronik etwa hat man seine editierten Fotografien zu Hauf verwendet – trotzdem taucht er nur als Unterstützer, nicht als Autor des dicken Wälzers auf. Andere Kollegen haben nicht den Elan ihre Kursprogramme auch auf Cree oder Chippewa zu übersetzen oder gar die Lerninhalte an eine indianische Lebenswelt rückzukoppeln.

Baum_Gerard

Gerards Lehrertisch steht nicht vor der Klasse, sondern am hinteren Ende des Computerkabinetts. Ich versuche ihn herauszulocken, frage ihn, ob er es deswegen so eingerichtet hat, damit er einen besseren Blick darauf hat, was auf den einzelnen Bildschirmen vor sich geht. Vielleicht finden seine Studenten ihr Facebook-Profil spannender, als eine Programmiersprache zu erlernen. Er nennt diesen Umstand den angenehmen Nebeneffekt von etwas, das seiner Meinung nach zu wenig umgesetzt wird. Nun sprudelt es aus ihm heraus. Er erklärt mir, dass ein Lehrerpult vor der Klasse ein Symbol für Herrschaft und Hierachie sei. Seine spitzbübische Freude darüber, dass mir das Arrangement des Klassenzimmers gleich aufgefallen ist, vermag er nicht mit betonter Nüchternheit zu übertünchen. Ich spiele ihm gerne diesen Steilpass zu. Gerard ist nicht der Typ, der mir von selbst davon erzählt hätte. Er muss schließlich vorsichtig sein, wie er mich immer wieder wissen lässt. Es sehen nicht alle so gerne, was er hier treibt. Die Frage nach dem Warum kann und will er mir nicht beantworten. Ich darf ihm aber Steilpässe zuspielen. Er verwandelt sie beherzt und zielsicher. Frage ich ihn aber danach, wie und warum er das gemacht hat, setzt er sein verkniffenes Lehrergesicht auf.

Der Lehrertisch als Herrschaftssymbol ist die raumgestalterische Antithese zum Aufbau eines Tipis. Darin zeigt der Eingang stets nach Osten, die Rückseite somit nach Westen. Die Tür zum Computerkabinett zeigt ebenfalls nach Osten. An der Rückseite des Tipis sitzt stets das Oberhaupt, die wichtigste und meist respektierteste Person im Tipi. Dort hat Gerard seinen Lehrertisch platziert. Wo seine Kommandozentrale einst stand, direkt neben der Eingangstür, steht ein kniehoher Hocker auf dem ein kleiner steinerner Schemel trohnt. Gerard sorgt für guten Spirit, indem er dort Sweetgrass verbrennt. Er selbst nennt den Computerraum Learning Lodge: ein Raum, in dem die konzentrische Einheit von Lebewesen, Gegenständen und der Gemeinschaft, die durch die vier Himmelrichtungen zusammengehalten wird, auf das Klassenzimmer übertragen wird. Für Gerard liegt hier die einzige vernünftige Verknüpfung von traditioneller indianischer Kultur und den Anforderungen moderner technisierter Gesellschaften: Man darf die eine Welt nicht der anderen überstülpen, sondern man muss versuchen, die modernen Artefakte auf die indianische Weltansicht zu beziehen. So können Synergien entstehen, die das Alte bewahren, sich aber dem Neuen nicht verschließen. Gerard hat dazu eine Grafik erstellt, die er mir unbedingt zeigen will. Ein Baum ist abgebildet, dessen Wurzeln mit „Kultur der Chippewa-Cree“ überschrieben sind. In der Baumkrone hängen anstelle der Früchte Oberbegriffe – Mathematik, Wissenschaft, Technologie und Ingenieurwesen. Die Grafik spiegelt zweierlei: Einerseits kann all das aus der indianischen Kultur heraus erwachsen, andererseits kann ein Baum nur reiche Früchte tragen, wenn seine Wurzeln gesund sind; wenn sie auf der eigenen Identität beruhen.

Ich frage Gerard, ob die Schüler diesen Ansatz zu schätzen wissen. Er weicht aus. Vielleicht nehmen sie es als selbstverständlich wahr, schiebt er zögernd nach. Dabei ist er der einzige, der versucht, seinen Lehrstoff so rückzubinden. Er wird nicht müde das zu betonen. Das hinterlässt dann doch einen faden Beigeschmack. Vielleicht versucht Gerard Vandeberg mit Vorfahren in Luxemburg, Belgien und Deutschland mehr Indianer zu sein, als es indianische Schüler selbst sind. Vielleicht ist Gerard päpstlicher als der Papst. Vielleicht will der indianische Collegestudent endlich raus aus dem Tipi, raus aus seinem traditionellen Lebensumfeld und hinein in die moderne Welt. Das College soll sein Sprungbrett sein. Dann steht dort ein langhaariger Möchtegern-Indianer und mimt den Geheimnisträger an der Westseite des Tipi-Klassenraums. „Toll!“, mag der sich dann denken.

Wir verabschieden uns. Die unbeantwortete Frage ist, ob das alles jetzt gut oder schlecht ist, ob es positiven Einfluss auf die innere Zerrissenheit indianischer Jugendlicher nimmt oder sie gar eher hemmt. Gerard Vandeberg bleibt mir in Erinnerung als ein gebeutelter Idealist mit den besten Absichten. Zum Abschied brülle ich ihm meine E-Mail-Adresse ins Ohr.

Eine ältere Version des Porträts findet man hier.

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