Über Kraut und Crowd

16 Jun

Vor ein paar Wochen haben einige freie Journalisten sich zusammengetan, um ein bis dato – in Deutschland – einmaliges Projekt zu initiieren. Im Zeitalter des viel zitierten Medienwandels, des Zeitungssterbens mitsamt rückläufigen Werbeetats und damit schrumpfenden Honoraren für freie Journalisten und Journalistinnen, überlegen unterschiedlichste Menschen schon seit langem, wie man Qualitätsjournalismus 2.0. machen kann. Die Krautreporter wollen sich an einer Beantwortung versuchen.

Krautreporter ist ein tägliches Magazin für die Geschichten hinter den Nachrichten. Werbefrei, gemacht für das Internet, gegründet von seinen Lesern.“ Damit ist eigentlich auch schon alles darüber gesagt. In den letzten Wochen lief ein Crowdfunding-Kampagne. Ziel: 15.000 Unterstützer, die je 60€ für Qualitätsjournalismus zahlen wollen.

Warum das wichtig ist? Weil der Online-Journalismus kaputt ist. „Weil vielen Medien Klicks wichtiger sind als Geschichten. Weil niemand mehr den Überblick behalten kann, wenn die Welt nur noch in Eilmeldungen erklärt wird. Weil Werbung nervt, die umständlich weggeklickt werden muss. Weil sich auch in seriösen Online-Medien der Boulevard ausbreitet.“

Bis dato sind 17.040 Unterstützerinnen und Unterstützer zusammengekommen. Das macht ca. 1.000.000 Million Euro. Ich bin sehr gespannt wie sich dieses unterstützenswerte Projekt entwickelt. Ist Krautreporter die Zukunft? Ein Journalismus ohne Werbung und Verlage? Kann Qualitätsjournalismus der seinen Lesern gefallen will kritisch und wahrhaftig unabhängig sein? Wie groß muss die kritische Masse sein, die ein solches Projekt tragfähig macht? Fragen über Fragen…

Es gibt in Deutschland mit SCIENCESTARTER eine Crowdfunding-Plattform für Wissenschaft. Das finde ich schon von Berufswegen her spannend. Nun wirbt dort Julia Bischoffberger um Unterstützung. In meiner Doktorarbeit geht es um Missionare, Sprachphilosophie und die Frage, was uns die Übersetzungstätigkeiten von Missionaren im südlichen Afrika über afrikanische und europäische Kultur verraten. Ich hab zwar über drei Jahre ein Stipendium erhalten nur ist die Arbeit nicht fertig. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften sind Dissertationen in drei Jahren kaum zu schaffen: Lehre geben, Tagungen organisieren, Tagungen besuchen, Papers und Aufsätze publizieren, Kolloquien besuchen und nicht zuletzt Finanzierungsanträge für Archivaufenthalte, Feldforschungen etc. schreiben.

 

Julia Bischoffbergers Forschungsprojekt steht in einem engen Zusammenhang mit einem globalen Skandal: dem Sprachensterben. Sie möchte über eine Crowdfunding-Kampagne auf Sciencestarter eine Feldforschung im Amazonasgebiet finanzieren, um dort eine Sprache aufzuzeichnen, die nur noch von vier Personen jenseits der 70 gesprochen wird.

Warum das wichtig ist? Weil nur durch diese Feldforschung ein Wörterbuch erstellt werden kann. Und warum braucht man ein Wörterbuch für eine Sprache, die niemand mehr spricht? Kossu J. Tossou schreibt in seinem Buch „Vom Geist der Sprache“:

„Zu unseren Bemühungen als Menschen, uns die Welt anzueignen, gehört immer, dass wir uns mit anderen über sie verständigen. Dies geschieht nicht anders als durch die Sprache. Durch die Sprache vergegenwärtigen wir gemeinsame Erfahrungen und teilen sie anderen mit. Reflektieren und Handeln basieren auf der ‚Wortung’ (L. Welsgerber) der Welt. […] Unser Realitätsbezug ist nicht naturwüchsig, unvermittelt, sondern Zugang zur Wirklichkeit haben wir nur durch unsere geistige (sprich sprachliche) Vermittlung. Das wird uns klar in der Vielfalt der ‚Weltansichten’, im geschichtlichen Wandel der Welt mit ihren Verhältnissen und Ereignissen unterschiedlicher Art. […] Vor allem aber wird [uns dadurch] bewusst, welche Bürde uns Menschen als der ‚Krone der Schöpfung’ von der Sprache auferlegt ist: die Bürde der Verantwortung. Sprache und Verantwortung bilden so eine Einheit, welche allein uns von der Enge selbstzerstörerischer Willkür zu bewahren Imstande ist. Das Sprachstudium mit Bezug zum Leben könnte in diesem Zusammenhang Anfang und ständige Begleitung [eines] Prozesses der wahren Humanität sein […].“

Deshalb.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: