Tag Archives: lakota

Auftakt: Das große Indianer-Abenteuer-Blog-Journal +++ Trailer zur literarischen Reisereportage „Zwei Sommer lang Indianer“

23 Feb

Liebe Leserinnen und Leser,

Wie einige aufmerksame Leser_Innen meines TRACKtate-Blog wissen, verbrachte ich den Sommer 2010 im Nordwesten der USA – genauer in Montana. Dort liegt Rocky Boy – das Reservat der Chippewa-Cree-Indianer. Nach meiner Rückkehr machte ich mich daran das Erlebte niederzuschreiben mit dem Ziel eine literarische Reisereportage für das Radio zu produzieren. Ich schrieb, entwarf, verwarf und fand schlussendlich in den beiden Sprechern Mirko Kasimir und Anja Lehmann zwei Profis, die mich bei der Umsetzung meiner Idee unterstützten. Michael Seiler (u.a. Verbrannte Erde, Interstate 5 und Crottendorf) komponierte die Musik und so entstand Schritt für Schritt ein 120-minütiges Hörstück.

27.07._Bild 1

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Die Mutter der Söhne der großen Bärin

15 Sep

Heute wäre Liselotte Welskopf-Henrich 110 Jahre alt geworden.

Liselotte Welskopf-Henrich (* 15. September 1901; † 16. Juni 1979)

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Weisser Indianer I: Gerard Vandeberg

1 Aug

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Gerard Vandeberg ist 61 Jahre alt. Das Leben hat ihn zu grummeln gelehrt. Als Informatiklehrer schuetzt er sich so durchaus vor sich staendig wiederholenden Fragen, die mit ein wenig Probieren von jedem Schueler selbst beantwortet werden koennen. Auch wenn mir vorweg glaubhaft versichert wurde, dass die oft bemuehte Schale und der weiche Kern in der massigen Gestalt Gerards ihre Entsprechung finden, braucht es mehrere Momente bis wir miteinander warm werden. Als Europaeer hat man es dabei eigentlich Dank des amerikanischen Smalltalks immer leicht einen Gespraechsfaden aufzunehmen: erst das Wetter, dann die Familiengeschichte der europaeischen Vorfahren und zum Abschluss ein bisschen Flunkerei ob der Begeisterung ueber einige amerikanische Eigenarten. Mit Gerard ist es dennoch schwierig, weil er ein Hoergeraet traegt und man auf Tuchfuehlung gehen muss, um sich verstaendlich zu machen. Das nun wieder widerstrebt der europaeischen Art und Weise. Man haelt schliesslich erst einmal Abstand, versucht den Gespraechsfaden aufzunehmen und sich rueckzuversichern, ob man miteinander kann. Wenn man dafuer dem Gespraechspartner unvermittelt jedoch fast am Ohrlaeppchen knabbern muss, fuehlt sich das ungewohnt an und sprengt damit den Rahmen, den man eigentlich herstellen moechte: eine Gespraechssituation, die sich trotz der kurzen Kennlernphase schnellstmoeglich gewoehnlich anfuehlt.

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Sayin’ Hello to Rock Boy Reservation – Atamiskâtowin!

30 Jul

Mittwoch, 28.07.2010

Wenn man von Bozeman/MT Richtung Norden faehrt wird die Szenerie karger. Alles wird weniger: der Verkehr, die Siedlungen und die Geraeuschkulisse der Zivilisation. Die Schluchten, die der Missouri in den Fels gefressen hat, wirken unwirtlich. Die Felsbrocken auf dem Kamm der Schluchten nehmen mitunter bizarre Formen an. Immer wieder muss ich an einen Winnetoufilm denken, in dem aus dem Nichts auf solch einem Canyon eine Gruppe Indianer auftaucht. Solche fluechtigen Bilder tauchen immer wieder auf. Es ist doch mit unter seltsam wie sehr unser Blick auf etwas durch andere Bilder gepraegt ist: In diesem Fall durch Karl-May-Western, die in Ex-Jugoslawien gedreht worden. Ich warte vergeblich auf die angriffslustigen Krieger. Diesen romantischen Blick werde ich noch ueberwinden muessen. Das Rocky Boy Reservat begruesst einen unscheinbar von einem braunen Strassenschild. “Welcome to the home of the Chippewa Cree Tribe.” Eine Weile sieht man links und rechts der buckligen Strasse nichts ausser saftige Weiden. Stets umrahmt von den Bergen und Huegeln auf denen ich jeden Moment eben diese Indianer vermute. Die Gegenwart, ganz ohne Federschmuck, Pferdehufgeklapper, Kriegergesaenge und Trommelgetoese, wuenscht unvermittelt einen schoenen guten Tag: So genannte ‘Mobile Homes’ saeumen die Strasse. Sie stehen hier nicht, weil ihr Bewohner auf dem Sprung sind. Sie sind eher ein Zeichen fuer Armut, denn diese LKW-Anhaenger aus Holzlatten sind billig. Auf einer Anhoehe kann ich das Stone Child College ausmachen. Wir biegen von der Haupstrasse ab. Damit verlassen wir auch die geteerte Hauptstrasse. Einige Huegel weiter schlaengelt sich die Strasse elegant um einen Berg herum, um kurzer Hand in ein Tal zu fuehren. Am Ende dieser Strasse halten wir. Robert: “That’s it.” Ich: “Beautiful.” Die Familie heisst mich willkommen. Wir machen einen kleinen Spaziergang. Es wachsen Blau- und Himbeeren am Wegesrand. Am Ende des Tals auf einem der umrahmenden Huegel werden wir von einem Hirsch beobachtet. Er entdeckt uns und erstarrt unvermittelt in seiner Position. Langsam verschwindet die Sonne hinter den Auslaeufern der Rocky Mountains. Das eben noch satt strahlende Gruen verwandelt sich urploetzlich in ein schwarzes Nichts. Es fuehlt sich so an, als ob innerhalb von Sekunden die Temperatur um zehn Grad faellt. Abends sitzen wir am Feuer im Garten. Es gibt Marshmallows. Eine Geschichte jagt die andere. Roberts Eltern, seine Tante und sein Onkel und eine halbe Fussballmannschaft Neffen und Nichten – ganz ohne Federschmuck und Tipi im Garten. Aber: Da ist etwas, wonach ich gesucht habe. Woerter tun sich schwer zu beschreiben, was es ist. Im Hintergrund toenen aus einem CD-Player leise traditionelle Sundance-Songs.

Die Art und Weise, wie die Menschen miteinander umgehen, zeugt von einer Art Spiritualitaet. Dieses Wort provoziert Vorstellungen, die in keiner Weise in die Naehe dessen gehoeren, was ich versuche zu beschreiben. Ich werde noch ein paar Tage brauchen, um Worte dafuer zu finden. Schon nach wenigen Stunden fuehlt man sich gutaufgehoben, als gehoere man dazu. Die Blicke sind direkt. Sie geben einem aber nicht das Gefuehl, dass jedes Wort auf einer Goldwaage liegt. Vielmehr ist da offene Neugier und eine Art Herzlichkeit, die nicht auf einem habitualisierten Verhaltenskodex beruht, sondern von Respekt getragen wird. Das Feuer brennt langsam herunter.