Tag Archives: Rezension

F/Stop 2009 – 3. Internationales Fotografie Festival in Leipzig

6 Jul

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Web 2.0 heißt auch das Missen der Feuerzeuge auf Rockkonzerten und ihre Ersetzung durch Handydisplays. Es heißt auch, dass digitale Fotografie ein Massenphänomen ist und jeder Zweite sich für etwas mehr als nur einen Hobbyfotografen hält. Es vergeht kein Moment, der gleichsam bewegend ist, wie zum Festhalten zwingt, und nicht von irgendjemandem auch dementsprechend fotografisch festgehalten wird – Handy hier, DigiCam dort. Knips. Knaps. Für meinen Fotoblog. Für meine Freunde zum zeigen. Für mich abends im Bett. Man vergisst das ja sonst. Ich bin da auch in so einer Community. Ich bearbeite nach. Soll ja schick aussehen. Ja nee, mach ich auch.

Allein schon deswegen macht es Spaß echte Fotografie zu bestaunen. Fotografien bei denen der prägnanteste Moment dessen dargestellt ist, was gleichsam nur den Hintergrund, den Bedeutungshorizont des Bildes, liefert. Das F-Stop Festival hat bis morgen noch vielerlei solcher Fotos zu bieten.

Ich war gestern zum ersten Mal dort. So wie ich die Ausstellung zum Festival zum ersten Mal besuchte, fand diese zum ersten Mal im Alten Handelshof in der Leipziger Innenstadt statt. Das ist fein. Erstens, weil der Alte Handelshof gerade im Umbau steckt und so eine charmant-unprätentiöse Atmosphäre bietet, und zum anderen, weil so auch Laufpublikum angesprochen wird, das abseits des Stadtkerns wohlmöglich nicht den Weg in die Ausstellung gefunden hätte. (Bisher fand das Festival auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei und entlang der Karl Heine Straße im Leipziger Westen statt.) Raus also aus dem elitären Kunstzirkel und rein in die Stadtzentren! Weiterlesen

„There she goes my beautiful world“

22 Jun

nickcaveAm Sonntag regnete es wahrscheinlich um ganz Dresden herum und auch in Dresden selbst – außer über der Bühne der Jungen Garde. Dort trat nämlich der Hohepriester der Noise-Chansons Nick Cave nebst seinen Bad Seeds auf und gab ein seltenes Stelldichein in 2009. Außer der schnieken Freilichtbühne im Süden Dresdens bespielte der Australier nur noch die beiden Zwillingsfestivals Southside und Hurricane. Wie er die Bühne betrat, hörte der Regen auf.

Die Rahmenbedingungen hätten also nicht besser sein können. Zu erwarten war ein Hitfeuerwerk, wie es sich für große Acts auf großen Festivalbühnen ziemt – dass die kleine Dresdner Freilichtbühne mit auf den Tourplan gerückt ist, war demnach also eine prima Voraussetzung dafür eine Cave-Show zu sehen, die das Beste aus allen Schaffensphasen in Szene setzt. Weiterlesen

Das Gefühl von Gutaufgehoben – Morrissey in Berlin

13 Jun

Es ist der Tag danach. Der Tag nach der Offenbarung. Ich kann von mir behaupten, viele der Musikanten, die mir etwas bedeuten, schon auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gesehen zu haben. Die, die ich nicht gesehen habe, sind tot oder nicht mehr aktiv. Morrissey hatte ich auf seinen spärlichen Konzertreisen in den letzten 10 Jahren nicht sehen können – entweder war ich im Ausland oder ich konnte zu dem Termin in meiner Nähe nicht. Gestern war es dann soweit. Berlin. Columbiahalle. 21.00 Uhr. Weiterlesen

„Kaum zu glauben, daß ich jemals dieser junge Dachs war.“

12 Mai

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Die Rezension hier zum Anhören:

Es ist schummrig. Die Stuhlreihen stehen eng beieinander. Die kalten Ziegelsteine geben dem feuchten Kellergewölbe eine endzeitliche Atmosphäre. Die Kälte kriecht auch vom Boden her die Hosenbeine hinauf. Es scheint auf den ersten Blick unwohnlich und unbehaglich. Am einen Ende, des normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Eiskellers der Moritzbastei, ist ein schmales Podest aufgestellt. Dahinter türmen sich Bücher und Tonbandschachteln. Ein zersauster, alter Mann kriecht auf dem Boden. Er scheint etwas zu suchen. Er stöhnt. Jede Bewegung steht unter dem Firmament einer unbändigen Suche nach etwas. Der Boden ist staubig. Der kräftige Körper des Mannes ist ständig in Bewegung – er kniet, rutscht, sitzt aufrecht, beugt sich, sieht sich um und hält inne. Ein Diaprojektor wirft unablässig Bilder an das rote Mauerwerk in deren Lichtstreifen sich der schwere Körper des Mannes abzeichnet. Weiterlesen

„Es ist viel besser, sein Brot mit einer nicht künstlerischen Arbeit zu verdienen, als einen Kompromiss zwischen Kunst und Erfolgswelt zu schließen!“

21 Apr

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Verehrter großer Leser,

ich möchte Ihnen in diesem Brief von einem Buch berichten, mit dem ich mich die letzten Tage beschäftigt habe. Es handelt sich um einen von Suhrkamp erstmalig herausgegebenen Briefwechsel von Hermann Hesse und Peter Weiss zwischen 1937 und 1962. Der 20-Jährige Maler Weiss, verzaubert von den Werken Hermann Hesses, wendet sich 1937 an den 60-Jährigen, weil er sich von „dem großen Zauberer“ Zuspruch und ein Verstandensein als Künstler erhofft. Anbei sendet er Geschichten, Bilder und Gedichte. „Der Zauberlehrling“ schreibt im ersten Brief, dass er nach einem Weg sucht, ihn aber nicht finden kann. Er schreibt von seiner Einsamkeit, von seinen Bildern und Texten: „ Ich schreibe, ich weiß nicht, ob es gut ist oder schlecht – denn ich lese es für mich allein.“ Zwischen den Zeilen heißt das: Verehrter Herr Hesse, ich sitze hier in einem kleinen Nest in Böhmen, ich bin Künstler das spüre ich, nur weiß ich nicht, welchen Weg ich wie gehen soll, um davon leben zu können, geschweige denn, welche künstlerische Form ich wählen soll – bin ich Maler? Lyriker? Romancier? Die Bitte bleibt angedeutet – aber Weiss wünscht sich ein stückweit an die Hand genommen zu werden; eingeführt zu werden in die Welt der Künstler, Verleger und Schriftsteller. Er möchte eine Kritik von Hermann Hesse, weil er für ihn der „Meister“ ist. Weiterlesen