Wölfe im Schafspelz oder wie der Vatikan Nazis half nach Argentinien zu flüchten

14 Feb

Immer wieder stoße ich bei meiner Beschäftigung mit Missionaren in Afrika im Rahmen meiner Doktorarbeit auf Themen, die eigentlich damit gar nichts zu tun haben. Meist mache ich am Rande eines Buches oder eines Textes einen kleine Entdeckung, die mich neugierig macht. Dann „wikipedia“ ich ein wenig herum. Oft schließt sich daran eine kleine Recherche im Präsenzbestand der Bibliothek an und im Nu sind zwei Stunden vorbei, in denen ich am eigentlichen Thema vorbei „studiert“ habe. Das nun vorrätige Wissen hilft mir dann zwar nicht bei der Beantwortung meiner Forschungsfrage – aber – ich kann zumindest in diesem meinem Blog mit dem neu angelesen Wissen Eindruck schinden.

Wo sind eigentlich die ganzen Nazis nach 1945 hin? Die Antwort auf diese Frage gehört noch mehr oder weniger zum Allgemeinwissen. In Südamerika fanden viele Nazis Unterschlupf. Aber wie haben sie es geschafft dorthin zu kommen? Die Antwort auf diese Frage gehört mithin nicht mehr unbedingt zum Allgemeinwissen, ist nicht in die kollektive Erinnerungskultur Deutschlands eingegangen. Schade eigentlich, denn 1991 erschien das durchaus Aufsehen erregende Buch „Persilscheine und falsche Pässe – Wie die Kirchen den Nazis halfen“ von Ernst Klee. Ich möchte hier kurz ein paar Fakten und Gedanken meinerseits dazu widergeben, denn ich denke, dieser Teil der „Geschichte“ sollte auch Teil des kollektiven Erinnerns sein.

Der Selbstmord Hitlers und die immer weiter zusammenklappende Schere von Alliierten an der West- und Ostfront zwang viele Nazis kurz nach Kriegsende 1945 dazu, sich schnell zu überlegen, wie sie den Siegermächten entkommen könnten. Eines war allen Flüchtenden gemein: den russischen Truppen wollte keiner in die Hände fallen, denn die Angst vor Rache war groß. Deutschland schien in den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit keinen ruhigen Schutz zu bieten und so versteckten sich viele flüchtende Nazieliten – getarnt als „arme Wehrmachtssoldaten“ – und versuchten so Zeit zu gewinnen. Die Kontakte der nationalsozialistischen Eliten zu hohen Funktionären im Vatikan bildete dabei für viele das Sprungbrett hinaus aus Deutschland. Sowohl die Flucht selbst als auch deren Vorbereitung und Planung möchte ich nachfolgend anknüpfend an Ernst Klee „Klosterlinie“ nennen.

Wallfahrt ins Exil

Das Prinzip der Klosterline war ganz einfach: Den Nazis wurde durch ein Netz von Mittelsmännern ermöglicht von deutschem Boden zu fliehen, um dann von Italien aus Europa Richtung Südamerika verlassen zu können. Die Würdenträger in Rom – allen voran der deutsche Bischof Alois Hudal – waren die treibenden Kräfte in diesem Netzwerk. Eine Flucht und ihre Unterstützung waren von den jeweiligen Einreisebestimmungen der Staaten abhängig, in die eine Flucht geplant wurde. Außerdem war das Unterfangen nicht billig und hing von einer Menge organisatorischer Details ab: Grenzbestimmungen, Aufenthaltsrechte, Zugang zu Staatsbürgerschaften sowie Ausweisungsabkommen. Kein flüchtender Nazi, von den „ganz hohen Herren“ mal abgesehen, konnte es sich leisten bzw. verfügte über die Ressourcen, all diese Hürden allein zu überwinden. Im Fall der Klosterline hat sich das pro-faschistische System Peróns in Argentinien und die Anerkennung von Pseudo-Rot-Kreuz-Pässen positiv für die flüchtenden Nazis ausgewirkt. Dazu saßen im Vatikan verschiedene Herren, die ihre braunen Schäfchen ins Trockene bringen wollten. Die Rechnung war somit ganz einfach: Vatikan + pro-faschistisches Argentinien = Big Love.

Juan Domingo Perón (1951)

Juan Perón, zu Ihren Diensten

Gleich nach dem 2. Weltkrieg ließ Peron Vorkehrungen in Italien treffen, die es im Zusammenspiel zwischen Katholischer Kirche, Rotem Kreuz und örtlichen Behörden verfolgten Nazis erleichtern sollte nach Argentinien auszuwandern. Der Besitzer der Schiffslinie Genua-Buenos Aires war beispielsweise ein guter Freund von Perón. Außerdem wusste der argentinische Präsident auch sonst überall seine „Freunde“ sitzen oder auch zu installieren. Warum nun gerade Perón? Er war Mussolini-Fan und der nationalsozialistischen Idee zugetan. Außerdem sah er die Vorteile, die eine Einwanderung nationalsozialistischer Eliten nach Argentinien hatte. Peróns Hilfe ist damit nicht nur solidarisch zu verstehen, sondern vor allem als ein Akt der Investition. Er plante die Verwendung der Auswanderer in Argentinien, um das Land an europäisches Niveau heranzuführen. So wurden auch gezielt Ingeneure und Rüstungsexperten gesucht. Jahre später sagte Peron in einem Interview, dass Argentinien allein die Reise bezahlte, während Deutschland Millionen Mark in die Ausbildung dieser Wissenschaftler und Techniker investiert hatte. Humankapital stinkt nicht, auch wenn es braune Flecken hat.

Alois Hudal

Alois Hudal: Kostümverleiher und Weichensteller

Alois Hudal, der Rektor der deutschen Nationalkirche in Rom, war Dreh- un Angelpunkt der Fluchtorganisation. Er kümmerte sich um die Unterkunft in Klöstern und beauftrage Mittelsmänner, für den reibungslosen Transport der Personen zu sorgen. Weiterhin übernahm er die Koordination der Reise aus den Verstecken der Nazis nach Italien. Er ließ in Rom Pässe vom Roten Kreuz ausstellen – eine zu der Zeit gängige Praxis für die Millionen Displaced Persons ohne viel bürokratisches Aufsehen. In den Pässen stand: „Dieses Dokument wurde auf Ersuchen des Inhabers ausgestellt, da dieser erklärt, weder einen gewöhnlichen oder einen provisorischen Pass zu besitzen, noch sich einen solchen beschaffen zu können.“ (Klee, Ernst: S. 28.) Meist reichten für den Erhalt eines Passes die Anwesenheit eines Zeugen, deutsche Pseudo-Pässe oder Auffanglagerkarten aus, um „die Identität zu klären“. Vorwiegend bezeugten die päpstlichen Hilfsstellen die Identität. Die südamerikanischen Behörden – meist das argentinische Generalkonsulat – akzeptierten dann die Pässe und stellten Einreisegenehmigungen und Visas aus – selbstredend unter falschem Namen. Diese Visas wiederum waren notwenig, um Schifftickets nach Südamerika zu erhalten. Um die Finanzierung (also Beschaffung von Tickets, Bestechung von Grenzbeamten bzw. Alliierter bis hin zu Bezahlung der Unterkunft) kümmerte sich Hudal ebenfalls. Das Budget, dass Hudal vom Vatikan für seine päpstliche Hilfsorganisationen bekam, war selbstverständlich zu knapp, um diese teure Fluchthilfe für eine Vielzahl von Nationalsozialisten zu organisieren. Zumal diese ja offiziell gar nicht von dieser Hilfe profitieren sollten, sondern berechtigterweise Schutzsuchende. Deswegen bemühte er sich immer wieder um Unterstützung finanzieller Art von der NCWC – National Catholic Welfare Conference – aus den USA, welche katholische Organisationen in Europa nach Kriegsende unterstützte – mit Erfolg.

Pius XII

Papst Pius XII

Hat der Chef nicht gewusst, was sein Angestellter da so treibt? Wie viel der Papst von den Aktivitäten Hudals wusste, ist umstritten. Fakt ist aber, dass Weisungen einem hierarchischen Weg folgen und ein einhundertprozentig eigenmächtiges Handeln über einen so langen Zeitraum nicht wahrscheinlich scheint ohne zumindest passives Zusehen und/oder aktives Wegsehen. Auch im Vatikan war bekannt, dass Hudal nicht erst seit 1945 Gemeinsamkeiten in den Zielen zwischen dem Nationalsozialismus und der katholischen Kirche zu erkennen glaubte. Er strebte eine Symbiose zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus an, was er auch eindeutig in seinem Hauptwerk „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ (1936) zum Ausdruck brachte. Das Buch enthielt eine Widmung für Adolf Hitler: „Dem Siegfried Deutscher Größe Adolf Hitler“. Hudal befürwortete darin den Nationalsozialismus, sofern dieser nicht versuche den Platz des Christentums einzunehmen und ebenfalls als dogmatische Metaphysik, sprich Religionsersatz, fungiere. Sein Werk wurde sowohl von der Katholischen Kirche wie auch von den Nationalsozialisten kritisch aufgenommen. Für seine Arbeit erhielt Hudal zwar das Goldene Ehrenzeichen der NSDAP und wurde von Adolf Hitler ausdrücklich gelobt, wurde aber andererseits auch der Unterwanderung verdächtigt. In der Kirche machte ihn sein Eintreten für den Brückenschlag mit dem Nationalsozialismus zu einem Außenseiter, dem höhere Ämter verwehrt blieben. Seine Fluchthilfe für verfolgte Nationalsozialisten bezeichnet er selbst als „caritativen Akt der Nächstenliebe“. Weiter heißt es in seinen Tagebüchern: „Ich danke aber dem Herrgott, dass er mir die Augen geöffnet hat und auch die unverdiente Gnade geschenkt hat, viele Opfer der Nachkriegszeit in Kerkern und Konzentrationslagern besucht und getröstet und nicht wenige mit falschen Ausweispapieren ihren Peinigern durch die Flucht in glücklichere Länder entrissen zu haben“. (Vgl. Meding, Holger: Flucht vor Nürnberg? Deutsche und österreichische Einwanderung in Argentinien 1945-1955. In: Lateinamerikanische Forschungen. Bd 19. Köln u.a.: Böhlau, 1992, S.78.) Erst 1952, nach massivem politischem Druck, tritt Hudal als Rektor des deutschen Priesterkollegs zurück. Er stirbt am 13. Mai 1963 in der italienischen Hauptstadt.

Adolf Eichmanns gefälschter Rot-Kreuz-Pass

Ein berühmter Nutznießer: Adolf Eichmann

Eichmann war „Leiter des für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden zuständigen Eichmannreferats des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) zentral mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen im weitgehend besetzten Europa“ (Quelle: Wikipedia). Bis 1948 lebte er unerkannt in Niedersachsen nahe Celle. Er pachtet ein Stück Land und spart für eine Überfahrt nach Südamerika. Die Spuren seiner Flucht bis nach Italien sind sorgfältig vertuscht worden. Sicher ist, dass Hudal ihn mit Anlaufpunkten unterstützte und er zeitweise als Mönch getarnt reiste. Warum er das Geld für seine Überfahrt selbst verdiente und sich nicht schon eher mit einer intensiveren Hilfe der Klosterlinie Hudals ausschiffen ließ, kann nur vermutet werden. In allen Quellen wird Eichmann als gewissenhafter und gerechtigkeitsfanatischer Mann beschrieben, der wahrscheinlich zusätzlich zu der logistischen Unterstützung nicht auch noch eine finanzielle in Anspruch nehmen wollte. Hudal und seine Helfer besorgten ihm den Rot-Kreuz-Pass, den das Generalkonsulat Argentiniens selbstverständlich gegenzeichnete. Am 14. Juni 1950 verlässt er den Hafen Genuas und kommt vier Wochen später in Buenos Aires an. Unter der persönlichen Obhut Peróns Sekretärs wurde Eichmann, der sich von nun an Ricardo Klement nannte, anfangs in Buenos Aires untergebracht.

Josef Mengele (1911-1979), deutscher SS-Offizier. Foto 1956 in Buenos Aires von einem Polizeifotografen für Mengeles argentinische Ausweisdokumente aufgenommen

Kaffeetrinken in Buenos Aires

Anmerkung am Rande: Josef Mengele, Lagerarzt im Konzentrationslager Auschwitz, traf am 20.6.1950 in Buenos Aires ein. Anhand von verschiedenen Aufzeichnungen und Forschungen vor allem auf Basis von Mengeles Tagebuchaufzeichnungen kommt Ulrich Völklein in seinem Buch „Josef Mengele  – der Arzt von Auschwitz“ zum Schluss, dass es Treffen zwischen beiden gegeben hat. Man kann also davon ausgehen, dass Eichmann und Mengele 1950 im Frühsommer bei Kaffee und Kuchen zusammensitzen. Ohne Bischof Hudal wäre nicht nur das vielleicht nicht möglich gewesen. Zumindest Eichmann ist aber einer Strafe nicht entgangen und wurde 1960 vom israelischen Geheimdienst gefasst und nach Israel gebracht, wo er nach einem Prozess hingerichtet wurde. Mengele starb 1979 in Südamerika. Er wurde nie bestraft.

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